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Jule Heck: Geburtstag in Corona-Zeiten

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

 

 

Mein erster Geburtstag ohne große Feier. So lange ich mich erinnern kann, habe ich diesen besonderen Tag immer mit vielen Freunden und Bekannten, Nachbarn und Verwandten gefeiert. Den ganzen Tag gingen die Leute bei mir ein und aus, um mir zu gratulieren.

 

Abends kamen meine Kinder und die engsten Freunde und in geselliger Runde saßen wir lange beieinander. Es wurde gut gegessen und viel getrunken. Wie das halt so üblich ist.  Klar, dass man selbst den Tag gar nicht so richtig genießen und sich um jeden persönlich kümmern kann, weil man ständig am Hin-, herrennen ist und an alles denken muss.


Zwischendurch musste ich ja auch immer noch Telefonate entgegennehmen und mit den Anrufern ein paar Worte wechseln. Trotzdem habe ich meine Geburtstage immer genossen. Es war ja auch schön zu sehen, wie viele Menschen an mich dachten.


Dieses Jahr war nun alles anders. Ich konnte niemanden bei mir zu Hause empfangen und entschloss mich, nur mit der Familie zu feiern. Obwohl nun im kleineren Kreis mein Ehrentag begangen wurde, war ich trotzdem rund um die Uhr mit Vorbereitungen beschäftigt. Ich machte Platz im größten Raum unseres Hauses, damit sechs Erwachsene und drei Kinder weit genug auseinandersitzen konnten. Die Umarmungen und Küsschen blieben aus. Trotz Abstand hatten wir viel Spaß. Endlich gelang es mir, mich mal um jeden zu kümmern.


In der Woche darauf hatte ich noch viele Gäste. Jeden Tag kam ein kleines Grüppchen zum Kaffeetrinken oder Abendessen. Ich war mehr als sonst beschäftigt, aber dadurch konnte ich mich mit den Gästen besser unterhalten.


Es war anders als sonst, aber auch sehr schön und ich bin dankbar, dass ich überhaupt gesund bin und meinen Geburtstag begehen konnte. Ich habe viele Anrufe erhalten, Mails und Briefe, Glückwünsche über eine Internetplattform. Ich war überwältigt, wie viele Leute an mich gedacht haben.


Corona hat mir zwar die Party verwehrt, aber nicht die guten Wünsche und Gedanken, die mich erreicht haben. Ich beklage mich nicht und habe mich über jeden Glückwunsch, über jedes liebe Wort gefreut.


Ich kann nicht verstehen, warum so viele Menschen immer noch so unvernünftig sind und Partys sowie Hochzeiten mit unzählig vielen Gästen feiern müssen, warum man auf der Straße tanzen und sich in den Armen liegen muss. Ich bin fassungslos, wenn ich Bilder mit jungen Menschen sehe, die eng beieinanderstehen und sich um den Hals fallen.


Wir erfahren doch täglich, wie viele Ansteckungen diese Feierlichkeiten nach sich ziehen, wie viele Menschen, vorwiegend alte Menschen, sterben. Eine junge Klimaaktivistin hat mal gesagt, man habe ihr die Jugend geraubt. So ein Quatsch, habe ich gedacht. Sie lebt in einem reichen, sicheren und sehr schönen Land. Nun aber ist es so, dass die, die ungehemmt feiern, keine Maske tragen und keinen Abstand halten, andere infizieren und ihnen womöglich das Leben rauben könnten.


Und nicht zu vergessen, den amerikanischen Präsidenten. Der trotz angeblicher Infektion mit seinen Bodyguards im geschlossenen Wagen zu seinen Anhängern reist und erklärte, das sei doch alles nicht so schlimm, er habe es doch auch überlebt. Von einer Person des öffentlichen Lebens sollte man doch mehr Rücksicht und vor allem Einsicht erwarten dürfen. Dieses Verhalten, das ich persönlich für einen geschickten Wahlkampfzug halte, macht mich fassungslos.


Nun, ich bin gespannt, wie viele Opfer wir in der nächsten Zeit noch zu beklagen haben und wie viele von denen aus unserem eigenen Umfeld die nächsten Jahre  unbeschadet überstehen. Ich auf jeden Fall halte Abstand und trage Maske und nehme Rücksicht auf andere. 

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