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Nina Elflein: Solidarität

Foto: sweetlouise bei Pixabay
Foto: sweetlouise bei Pixabay

Solidarisch oder nicht-solidarisch. Das ist hier die Frage.

 

Habe ich schon erzählt, dass ich im Einzelhandel arbeite? Ich erinnere mich gerade nicht. Ich weiß aber, dass ich das neulich in einem der Kommentare erwähnt habe. Weil ich auch schon die Situation mit einem Menschen ohne Maske im Laden hatte.

 

Haben Sie einen Mund-Nasen-Schutz?

- Nein.

Dann können Sie hier leider nicht einkaufen.

- Doch. Ich will nur ...

 

Nein. Einfach nur „Nein! Ich diskutiere nicht mit Ihnen“. Ich war direkt wütend. Zum einen, weil ich gerade im Gespräch mit KundInnen war und ich mich auch darauf konzentrieren wollte. Das ist für mich eine Form von Respekt. Zum anderen, weil der Einzelhandel nicht der richtige Ort ist, um seinen Unmut über die Corona Schutzmaßnahmen, provozierend zu platzieren. Und ich möchte leicht provokant festhalten, dass doch keiner davon ausgehen kann, dass wir solidarisch miteinander leben können, wenn wir Beziehungen auf Konfrontationen aufbauen.

 

Bissige Zungen fragen jetzt vielleicht, ob ein solidarisches Miteinander in dem Fall überhaupt wichtig ist.

 

Ja. Einfach nur ja!

Ich lebe ja nicht zurückgezogen und autark im Wald. Ich lebe in einer 3ZKB-Wohnung in Bad Nauheim. Der Bahnhof, die Stadtbücherei und der Wochenmarkt waren für mich entscheidend, um vor mehr als zwölf Jahren zu sagen: Ja. Hier will ich leben.

 

Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt. Meine Kinder gehen hier zur Schule. Ich gehe immer noch regelmäßig zur Stadtbücherei, nicht mehr so oft zum Bahnhof, aber nach der Arbeit am Dienstag gerne auf den Markt. Ich er-kenne viele der Menschen, die mit mir hier leben. Manche kenne ich aus dem Laden, andere aus dem Verein oder ich er-kenne einfach Gesichter, weil die Menschen irgendwo bei mir in der Nähe wohnen oder wir manche Wege miteinander teilen. Und ich bin gerne freundlich mit ihnen. Einfach so im Vorbeigehen – ein Lächeln. Beim Einkaufen lasse ich meinem Gegenüber gerne Zeit, um zum Beispiel das Gemüse auszusuchen und auch Raum, indem ich Abstand halte - auch schon vor Corona. Ich muss nicht mit jedem Freund sein und doch kann ich die Menschen in meinem Umfeld respektieren und deren Grenzen wahren. Das tut mir nicht weh. Ich beobachte eher, dass mich dieses Verhalten entspannt und auch oftmals mein Gegenüber.

 

Wenn ich mich aber rücksichtslos verhalte und trotzig wie ein Kleinkind immer und überall meinen Willen durchsetze und zum obersten Gebot mache, dann gefährde ich das entspannte Zusammensein. Das soll nicht bedeuten, dass ich Wut und empfundene Ungerechtigkeit runterschlucken muss und die Klappe halten soll. Klar darf ich sagen, wenn ich wütend bin. Und ja, rede darüber, wenn die Corona-Maßnahmen Dich belasten. Aber an wen adressiert?

 

Ich denke, das ist wirklich wichtig zu klären, weil die Pandemie uns womöglich noch eine Zeit lang begleitet. Trotziges Verhalten bringt uns da nicht weiter. Weder im alltäglichen Geschäftsleben, noch auf einer dieser „Querdenker“-Veranstaltungen. Zum einen, weil ich als Verkäuferin die Regel nicht ändern kann. Punkt. Zum anderen, weil ich mich nicht mit Menschen solidarisiere, die mit dem rechten Rand sympathisieren. Es gibt Grenzen, und mangelnder Respekt ist eine. Verachtung gegenüber dem Leben ist eine weitere. Zumindest für mich – Klare Kante nach rechts!

 

Ich will mit FreundInnen und über die Corona-Maßnahmen sprechen und wir können da auch unterschiedliche Ansichten haben. Das ist nicht die Frage. Die mir wichtige Frage ist, wie gehe ich, wie gehen wir als soziale Gruppe damit um. Ich möchte meine Freundschaften pflegen und selbst mit Menschen, deren Name ich vielleicht nicht einmal kenne, freundlich sein. Einfach weil ich eine gute Zeit er-leben will. Und ich gehe davon aus, dass auch andere Menschen eine gute Zeit er-leben wollen, dass wir gut miteinander leben wollen. Und genau das ist der Punkt, an dem wir solidarisch agieren, weil wir dafür gemeinsam verantwortlich sind.

 

Also: Ja. Ein solidarisches Miteinander ist wichtig, wenn wir eine gute Zeit erleben wollen.

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Kommentare: 4
  • #1

    Dagmar (Montag, 12 Oktober 2020 15:11)

    Das ist genau der Aufruf zur Solidarität, wie wir ihn brauchen! Nicht mit erhobenem Zeigefinder, sondern aus eigenem bewussten Erleben und feinen Antennen für andere. Ich werde ihn vielfach teilen.

  • #2

    Nina Elflein (Montag, 12 Oktober 2020 17:29)

    Hallo Dagmar,

    vielen Dank für Deine Worte <3 , dass Dich mein Aufruf derart anspricht, schmeichelt mir.

    Solidarische Grüße ;-)

    Nina

  • #3

    Barbara (Montag, 12 Oktober 2020 17:43)

    Was soll ich sagen - phantastisch!!!

  • #4

    Ulrike P-E (Dienstag, 13 Oktober 2020 10:03)

    Danke für diesen Beitrag. Besser kann man die Situation und beschreiben und ganz unaufgeregt auf die nötige Solidarität hinweisen.