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Antje Lilienthal: Auftritt für Glücksritter

 

Wie hält der Mensch all die Hiobsbotschaften aus, die uns zurzeit erreichen, fragte kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Der Psychologe Dieter Frey von der Universität München nennt individuell unterschiedliche Strategien, mit Krisen umzugehen. Eine weit verbreitete Strategie sei, den Kopf in den Sand zu stecken. Eine andere zu erstarren. (Südd. Zeitung vom 26./27.9.)

 

Als die Corona Pandemie sich auch in Deutschland ausbreitete und erste Hygienemaßnahmen empfohlen wurden, war eine häufige Reaktion: „Ich bin nicht krank“. Heute lässt es sich fröhlicher beisammen sein, wenn man sich gegenseitig versichert, dass es nur wenig Infektionen im eigenen Landkreis gibt. Je präsenter die Gefahr, desto schwieriger wird die Verdrängung. Meine bayrischen Freunde sind wesentlich vorsichtiger als die in Hessen und Niedersachsen.

 

Auch deshalb wurde vom Corona-Kabinett im März diskutiert, den Shutdown mit Horrorszenarien einer Covid-Erkrankung zu unterfüttern. Die Bundeskanzlerin war gegen Angstmache als Mittel der Politik und die schrecklichen Bilder aus Norditalien hatten vermutlich den gleichen Effekt. Die Bürger hielten sich, ohne zu murren, an die Vorgaben der Regierung. Kaum verlor das Infektionsgeschehen an Fahrt und wurden erste Lockerungen beschlossen, setzte die Verdrängung so schnell ein, dass man sich die Augen rieb. Im Nu prosteten sich die Weintrinker am Aliceplatz in Bad Nauheim wieder munter zu. Andere schalteten einen noch höheren Gang ein. Sie leugneten das Problem als Ganzes. Corona wurde als Fehlalarm tituliert, so wie der Klimawandel als Lüge.

 

Schwerer haben es die Menschen, die durch Krisen in eine Starre geraten. Die Kontrolle über ihr Leben entgleitet ihnen. Sie fühlen sich hilflos und dem Spielball des Schicksals ausgeliefert. Einige flüchteten sich in Alkohol, wie die Statistiken zeigen. Andere fordern das Schicksal heraus und versuchen es mit dem Glücksspiel. Im ersten Halbjahr 2020 wurden in Südkorea so viele Lottoscheine verkauft wie noch nie. Glück ist gesund und schon der Glaube an das Glück steigert das Wohlbefinden, weil im Körper das anregende Dopamin ausgeschüttet wird. Frau Hwang, die jeden Montag einen Lottoschein kauft, sagt: „Dadurch habe ich etwas, auf das ich an Werktagen hoffen kann“ (Südd. Zeitung vom 19./20.9.)

 

In den USA, und jetzt auch in Deutschland wird seit Corona verstärkt mit Aktien gezockt. Besonders junge Leute bewegen sich auf niedrigpreisigen oder kostenlosen Online-Handelsplattformen so unbekümmert und hoffnungsvoll wie sie sie auf Tinder flirten. In den USA investieren zurzeit etwa 13 Millionen Millenials mit kleinen Beträgen in meist scheinbar preiswerte Unternehmen - auch wenn die schon vor der Pleite stehen wie zum Beispiel der Autovermieter Hertz. Die besonders beliebte App Robin Hood funktioniert wie ein Spiel. Twitter-Persönlichkeiten aus dem Sportwetten-Bereich heizen den Teilnehmern ein. Für einen 20jährigen US-Bürger endete das bereits tödlich. Er warf sich vor den Zug, weil er glaubte, 750 000 US-Dollar verloren zu haben. Die Folgen solchen Treibens sind noch gar nicht abzusehen.

 

Verdränger, Verleugner und Glücksritter verschlimmern über kurz oder lang die Misere, in der wir stecken. Wenn wir relativ unbeschadet davonkommen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als der Krise ins Gesicht zu sehen und Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Das bedeutet, Abstriche an vielem zu machen, was uns lieb geworden ist. Das bedeutet auch Unsicherheit und einen Verlust an Unbeschwertheit. Zum Glück gibt es das Glück im Kleinen und Strategien, konstruktiv mit Krisen umzugehen. Das permanente Ausloten von Möglichkeiten gibt uns ein Stück Kontrolle zurück. In der Verbindung zu uns selbst, sei es spirituell, durch Bewegung oder in einer erfüllenden Beschäftigung finden wir zur Ausgeglichenheit und die Begegnung mit Gleichgesinnten hilft uns, die schwierige Zeit zu überstehen.

 

 

Foto: Antje Lilienthal

 

 

 

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