· 

Dagmar Reichardt: Erntezeit

Foto: privat
Foto: privat

Als ich meine Tomaten erntete, die diesem grauen Tag heute ein besonders kräftiges Rot entgegenzusetzen schienen, wurde mir bewusst, wie stark ich in diesem Jahr mit den Pflanzen in meinem Garten zusammengewachsen war.

 

Die Gartensaison fing ja gerade erst an, als der Lockdown uns Mitte März in den Dornröschenschlaf schickte. Ich weiß noch, wie sehr ich die Märzsonne genoss, wie ich jedes Grün, das aus dem Boden spross, begrüßte und beim Wachsen beobachtete. Wie in keinem Jahr zuvor, nahm ich teil an der diesjährigen Wachstumsperiode auf diesem begrenzten Freiraum.

 

Und hier fand alles genauso statt wie in jedem Jahr. Als gäbe es keinen Corona-Virus. Die Kraniche flogen über uns gen Norden und schienen keine Notiz von unserem Dilemma zu nehmen. Es hatte etwas Beruhigendes, dass da draußen alles seinen natürlichen Lauf nahm.

 

Und das, obwohl schon lange nichts mehr so war, wie es sein sollte. Auch in diesem Jahr erlebten wir eine Trockenheit, die mich beängstigte. Beim Umgraben der Beete, die ich im Juli noch einmal neu bepflanzen konnte, stieß ich kaum auf feuchte Erde. Das abendliche Gießen glich einer Trotzreaktion.

 

Ich fühlte mich mit meinen Pflanzen, den Tomaten, dem Kohlrabi, den Salaten eng verbunden. Ich würde sie nicht vertrocknen lassen. Auf keinen Fall. Wenn wir uns vor der mittäglichen Hitze ins Haus verzogen, bedauerte ich die Pflanzen, dass sie sich nicht in Sicherheit bringen konnten. Allen voran die Wälder, denen man den Hitzestress ansah. Für sie ist die Hitze so bedrohlich wie für uns Corona. Nein, viel schlimmer, dachte ich und fühlte mich wieder so verbunden über das gemeinsame Schicksal.

 

Bis zur Erntezeit.

Täglich gießen, die Triebe.

Abhängig von mir.

 

Besucht die Blüten,

Schmetterlinge und Bienen.

Bleibt bis zur Ernte.

 

Vollreife Früchte.

Erntezeit - natürlich gut.

Trotz Klimawandel.

 

Mähdrescher im Staub.

Erntezeit in Trockenheit.

Wir wertschätzen nicht.

 

Corona schenkt Zeit.

Um uns bewusst zu werden.

Trügerisch ruhig.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Nina (Mittwoch, 07 Oktober 2020 12:04)

    Hallo Dagmar,

    wir waren in den Corona Anfängen auch viel im Garten. Dabei ist mir die gegensätzliche Bewegung aufgefallen. Während die Menschen sich ähnlich dem Winter zurück zogen und vielleicht auf sich besinnten (?), erwachte die Natur im Frühling und er ließ "sein blaues Band|Wieder flattern durch die Lüfte;|
    Süße, wohlbekannte Düfte|
    Streif[t]en ahnungsvoll das Land."*

    Ich stelle mir vor, wie reich an Düften und Früchten Dein Garten jetzt ist. Und mir gefällt, wie Du Deine Sorge um die Pflanzen im trockenen Sommer und Deine Entschlossenheit sie zu pflegen, beschreibst. Lohn und Dank sind süße Früchte im Herbst.

    Dabei denke ich, dass es unserer Gesellschaft zugute käme, wenn wir einander ähnlich Deiner Beziehung zum Garten, mehr umsorgen und pflegen.

    Vielen Dank für Deinen Text.

    Beste Grüße,

    Nina

    *Eduard Mörike