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Jule Heck: Bloß nicht krank werden

Foto: Silas Camargo Silão auf Pixabay
Foto: Silas Camargo Silão auf Pixabay

Wer geht schon gern ins Krankenhaus? Also ich ganz bestimmt nicht. Und in der heutigen Zeit schon gar nicht. Aber es musste mal wieder sein. Eine Routineuntersuchung, die ich alle drei Jahre über mich ergehen lassen muss, stand an. Wegen Corona musste ich dieses Mal ziemlich lange auf einen Termin warten. Am Montag war es dann endlich so weit. Vor der Untersuchung hatte ich keine Angst, auf die Abwicklung war ich allerdings gespannt und sah ihr mit gemischten Gefühlen entgegen.


Mein Mann setzte mich vor der Klinik ab, denn eine Begleitperson war nicht zugelassen. Vor der Tür begegneten mir die Menschen schon mit Maske. Das Rondell durfte nur einzeln betreten werden, also schon mal warten. In der großen Eingangshalle waren die Wege vorgezeichnet und mit rot-weißen Flatterbändern entsprechend abgetrennt. Auch hier musste ich ein kleines Weilchen mit Abstand warten, bis ich an einen Glaskasten treten durfte, um mich anzumelden. Ein freundlicher Herr wünschte mir einen guten Morgen und fand meine Unterlagen im Computer-System sofort, erklärte mir den Weg und entließ mich in die leeren Gänge des riesigen Krankenhauskomplexes.


Ich vermisste das sonst rege Treiben auf den Gängen. Ab und zu sah ich in das Gesicht einer gelangweilten Sicherheitsperson, vereinzelt huschte jemand vom Personal an mir vorbei. Ich bevorzugte die Treppe, in einem Aufzug wollte ich nicht mitfahren, doch als ich im ersten Stock ankam, öffnete sich gerade die automatische Tür des Aufzugs. Zu meiner Überraschung stieg nur ein Pfleger in einem grünen Outfit aus. Er fragte mich freundlich, wo ich hinwollte und anstatt mir den Weg zu erklären, führte er mich in die entsprechende Abteilung bis an den Empfangstresen, verabschiedete sich mit freundlichen Worten für ein gutes Gelingen meiner Untersuchung und verschwand aus meinem Blickfeld.


Die Ruhe in den langen Fluren mutete fast schon gespenstisch an. Eine ebenso freundliche Mitarbeiterin erschien hinter dem Tresen, nahm meine Papiere in Empfang und erklärte mir den Ablauf der Untersuchung. Sie setzte gleich hinterher, dass es auf Grund der besonderen Umstände etwas länger dauern könne, bis ich drankäme. Das hatte ich schon befürchtet und mir deshalb ein spannendes Buch eingepackt. Im Warteraum saß eine Person in der hintersten Ecke. Hier war es kalt und es zog wie Hechtsuppe aus den offenstehenden Kippfenstern. Ich nahm so weit wie möglich entfernt von der bereits Wartenden Platz, ließ meine Jacke an und zog mein Buch hervor.


Ich fror erbärmlich. Zudem quälte mich der Durst. Ich hatte zwei Stunden vorher jegliche Flüssigkeitszufuhr eingestellt. Nun, das hatte zwar nichts mit Corona zu tun, sondern mit der Untersuchung, dennoch fiel es mir bei der Kälte besonders schwer, den Durst zu ertragen. Immer wieder lief jemand vom Personal vorbei, grüßte freundlich, aber ansonsten bekam ich niemanden zu Gesicht. Wie denn auch, alle trugen Maske, vom Gesicht selbst waren nur die Augen zu sehen. Auch die einzelne Person in der hintersten Ecke hatte einen Mund-Nasen-Schutz auf und fror ebenso wie ich.

 

Am ganzen Körper kalt, schwitzte ich nur unter dieser dämlichen Gesichtsbedeckung. Die Zeiger der Uhr schienen sich im Schneckentempo zu bewegen, ansonsten nur Ruhe. Kein Türengeklapper oder Telefonklingeln, keine Patienten, die über die Gänge schlurften oder aufgeregtes Getuschel des Personals. Irgendwann stand ich auf, schloss beherzt die Oberlichter und fasste an die Heizung. Die war eiskalt. Ich drehte an dem Rad bis zur höchsten Einstellung, wartete auf das Gluckern in den Rohren. Doch nichts geschah, die Heizung blieb kalt.


Sonst kam immer mal ein Gespräch mit anderen Wartenden zustande, doch die junge Frau in der hintersten Ecke starrte nur auf ihr Handy. Irgendwann stieß ein älterer Herr zu uns, setzte sich in eine andere Ecke, um Abstand zu halten. Er schaute unter sich, vermied jeglichen Blickkontakt, so als ob man über Blicke sich mit irgendetwas anstecken könnte. Ich konnte mich nicht auf die Zeilen in meinem Buch konzentrieren und blickte genervt immer wieder auf die Uhr.


Endlich kam ein Pfleger, der mich freundlich aufforderte, ihm zu folgen. Er machte Witze über die Behandlung, vermutlich, um mich etwas aufzuheitern und mir die Angst zu nehmen. Ich lief hinter ihm her und betrachtete interessiert die Bauernmalerei auf seinen Armen. Im OP wurde ich ebenso freundlich von einer Krankenpflegerin und dem Arzt empfangen. Dann ging eigentlich alles sehr schnell. Man versetzte mich in einen kurzen, aber durchaus erholsamen Schlaf.


Einige Zeit später wurde ich wieder wach und fror entsetzlich. Die Wartezeit, bis ich mich wieder anziehen und nach Hause gehen durfte, verkürzte mir ein älterer Herr, der im Aufwachraum, zwar mit Abstand, neben mir lag. Er erzählte mir einen Schwank aus seiner Jugend, als sich verliebte junge Paare nur unter Aufsicht treffen durfte. Ich hörte ihm geduldig zu und war mit mir zufrieden, dass ich dem älteren Herrn eine Freude machen konnte.


Dann endlich durfte ich gehen. Mein Mann erwartete mich bereits vor der Tür. Alles war gut gegangen, die Untersuchung hatte nichts Nachteiliges ergeben. Auch wenn die ganze Sache länger gedauert hat, muss ich gestehen, dass alles, bis auf die Kälte, bestens organisiert war. In guter Erinnerung behalte ich die Freundlichkeit des Pflegepersonals. Es war keiner genervt oder ängstlich. Trotzdem möchte ich nicht krank werden, ob Corona oder nicht und mich länger in einem Krankenhaus aufhalten müssen.

 

 

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