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Antje Lilienthal: Bodensee

Die Gedanken kommen und gehen wie die sanften Wellen des Wassers. Weit hinten am Horizont erstreckt sich die Alpenkette. Der See schimmert im klaren Septemberlicht. Seine Wellen plätschern ans nahe Ufer. In der Luft liegt ein Geruch von reifem, leicht gärigem Obst. So ist das häufig im September am Bodensee. Seit Anfang der 80er Jahre war ich immer mal wieder hier. In den Jahren nach dem Studium trafen wir uns mit unserer ehemaligen WG am See, weil es hier so schön war. Und weil wir es noch einmal kuschelig haben wollten, bevor der Ernst des Lebens für uns anfing.

 

Jetzt ist unser Leben ziemlich weit vorangeschritten. Und immer noch macht es Spaß, sich von den Wellen tragen zu lassen und sich auf dem frischen Grün des Rasens auszustrecken. Erstaunlich grün sind auch die Hecken, Pflanzen und Bäume drumherum. Das 3. Jahr in Folge bekommt die Natur jetzt auch in den meisten anderen Teilen Deutschlands viel zu wenig Wasser. Viele Baumarten ringen um ihr Überleben oder gehen zugrunde. Der Klimawandel hinterlässt Lücken in den Wäldern. Und wenn nicht sofort ein radikal anderes Wirtschaften begonnen wird, zerstört der Mensch den Planeten Erde unwiederbringlich. Bis zu diesem Jahr wurde gesagt, eine radikale Umkehr sei unmöglich.

 

Corona hat gezeigt, dass es sehr wohl geht, das Herunterfahren der Wirtschaft weltweit. Aber mit ungewissen Folgen, die sich am Horizont abzeichnen wie Österreichs Alpen. Ganze Branchen sehen sich von schweren Umwälzungen, wenn nicht gar vom Niedergang bedroht: die Luftfahrt, die Autoindustrie, die Gastronomie, der Tourismus, der Einzelhandel. Viele Menschen überall auf der Welt fürchten um ihren Arbeitsplatz oder leiden unter der Ungewissheit, wie es weitergehen wird. Sind sie deshalb so schnell außer Rand und Band? Schlagen deshalb Versammlungen so schnell in Aggression und Gewalt um? Haben die Politiker insgeheim Angst, die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren? Nehmen deshalb die Spannungen und Schuldzuweisungen unter den Großmöchten so erschreckend zu? Wird alles in einen großen Crash münden? Börsencrash, Wirtschaftscrash, Umweltcrash und schließlich finaler Showdown? Ist es jetzt endgültig vorbei mit dem Frieden und Wohlstand, der uns in (West)europa seit 75 Jahren vergönnt ist. Betonung auf Europa, denn anderswo auf der Welt war und ist die Not groß und die Wirtschaftsmacht Europa nicht ganz unschuldig daran.

 

Der See schweigt. Ich schaue und lasse die Gedanken mit seinen Wellen kommen und gehen. War es wirklich so schön und friedlich Anfang der 80er Jahre? Von ganzem Herzen - hier ja. Und wenn ich ein wenig nachdenke – nein, so wenig wie heute. Drohte nicht damals mit dem NATO-Doppelbeschluss ein 3. Weltkrieg zwischen Ost und West mit Deutschland als Frontstaat? Gab es nicht 1986 die Atomkatastrophe von Tschernobyl und auch bei uns monatelange Angst vor verstrahlten Spielplätzen und Lebensmitteln? Die Rote Armee Fraktion verbreitete mit ihren kaltblütigen Entführungen und Morden einen Schrecken der besonderen Art. Ebenso damals völlig unterschätzte Rechtsextreme mit mörderischen Attentaten wie den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980. In den 80ern brach der pandemische HIV-Virus aus, der bisher weltweit 39 Millionen Menschenleben kostete. Und nicht nur frisch gebackene Gymnasiallehrer mit geisteswissenschaftlicher Ausbildung waren bis auf Weiteres arbeitslos. Heute gibt es keine innerdeutsche Grenze mehr, übrigens auch keine allgemeine Wehrpflicht. Der Atomausstieg ist beschlossen. Damals arbeitslose Lehrer landeten in Industrie und Wirtschaft. Und die Grünen diskutieren über einen Kanzlerkandidaten.

 

Der See mit seiner magischen Anziehungskraft ist gleichgeblieben. Ein Anker. Ein Sehnsuchtsort, an dem das Wasser plätschert.

 

 

Foto: Antje Lilienthal

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christian Weinert (Samstag, 26 September 2020 12:02)

    Wunderbarer Beitrag vielen Dank an die Autoren und die Chatverantwortliche. Ich bin selber hier unten groß geworden und kenne den Bodensee von Kindheitsbeinen an, er ist wunderbar, lädt zum träumen, erholen und entspannen � ein.