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Dagmar Reichardt: CORONA. Rückzug - eine Notwendigkeit.

Foto: Dagmar Reichardt
Foto: Dagmar Reichardt

Was, wenn der Shutdown eine Erleichterung war? Was, wenn der Rückzug in die eigenen vier Wände genau zum richtigen Zeitpunkt kam? Was, wenn die Welt drumherum genau das Gegenteil erzählt?

 

Ja, so fühlte ich mich, als am 17.3. meine Arbeitgeberin die Home-Office Parole für die Büroetage ausrief. Fast peinlich war mir, dass dieses Gefühl selbst nach sechs Wochen noch genau das Gleiche war. Natürlich konnte ich keinem, der mir vorstöhnte, wie schrecklich er oder sie diese Isolation gerade fand, sagen, dass es für mich die pure Erholung war. Um das Ganze doch zu formulieren, stellte ich mir die in- und gegenüber-seitigen Gefühle mithilfe von Kurz-Gedichten in Haiku-Form vor:

ZUHAUSE

 

Ichseits

Keine Termine.

Kein Gehetze mehr. Endlich.

Pause vom Stress.

 

Gegenüberseits

Unerträglich eng.

Steigt der Wahnsinn in mir hoch?

So laut im Stillen.

 

STILLE

 

Ichseits

Endlich für mich sein.

Keiner, der etwas will. Nichts.

Aufatmen. Hoffnung.

 

Gegenüberseits

Stille kann laut sein.

Bis in meinen Kopf hinein.

Mein Atem. Allein.

 

MASKENPFLICHT

 

Ichseits

Ich bin. Du bist. Wir?

Ein Leben ohne Plural.

Hinter Masken schon.

 

Gegenüberseits

Einfach ausgebremst.

Wer weiß damit umzugehn?

Staatlich verordnet.

 

SCHICKSAL

 

Ich. Andere. Wir.

Schock und Angst, das verbindet.

Zusammen. Getrennt.

 

ZWEISEITIGKEIT. Positionen in Haiku. Von Dagmar Reichardt.


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Kommentare: 5
  • #1

    M. (Montag, 21 September 2020 14:23)

    1. warum Silbenanzahl 4?
    2. warum 2x dasselbe?
    3. warum „ich“? das ist kein Haiku; das ist kein Zen

    M.

  • #2

    Dagmar (Montag, 21 September 2020 21:58)

    5-7-5, nach diesem Grundschema arbeite ich. Ohne den Anspruch, dem ganzen japanischen Regelwerk zu folgen. Das ist meine Freiheit - im eng gesteckten Rahmen. Danke für den Impuls!

  • #3

    M. (Dienstag, 22 September 2020 17:10)

    “Pause vom Stress” sind nur 4 ;-)

    Das “Ich” soll keine Rolle spielen, das ist Haiku. Natürlich kann jeder machen, was sie:er will, nur sollte es dann vielleicht nicht “Haiku” heißen ... (soll Soja-Milch auch “Milch” genannt werden?)

    Poetische Grüße
    M.

  • #4

    R.H. Greve (Mittwoch, 23 September 2020 18:26)

    Da bin ich ganz bei M. Es sollte nicht "Haiku" heißen.
    Habe ich aber auch in meiner Mail alles schon geschrieben und erklärt.

    Gruß
    R.

  • #5

    M. (Mittwoch, 23 September 2020 19:01)

    Bei dem Aufbau in Strophen bin ich mir nicht ganz sicher. Meines Wissens sollten die DichterInnen versuchen, die „Message“ tatsächlich nur in den drei Versen unterzubringen. Was meinst Du, liebe Rita?

    M.