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Sigrun Miller: Abschied von Clara

Foto: Viktar Masalovich auf Pixabay
Foto: Viktar Masalovich auf Pixabay

Vor ein paar Wochen bat mich meine ältere Tochter, einen Besuchstermin in dem Altenheim auszumachen, wo Clara sich seit einigen Wochen aufhielt. Sie wollte sie zusammen mit mir an einem späten Vormittag abholen, um bei schönem Wetter in einem angenehmen Restaurant mit Außenbestuhlung ein Mittagessen einzunehmen.

 

Ich rief Clärchen an, sie freute sich sehr über den bevorstehenden Ausflug in die Stadt und sagte ihr Mittagessen für den betreffenden Tag ab.  Der Besuchstag war da, wir fuhren zum Pflegeheim, um Clara abzuholen. 

 

Sie hatte ihre Sonntagskleidung angelegt und freute sich riesig über unseren Besuch sowie den Ausflug. Ein günstiger Parkplatz lud uns zum Bleiben ein, und wir hatten einen relativ kurzen Weg zu dem ausgesuchten Restaurant. Die freundliche Bedienung empfahl uns einen unseren Wünschen entsprechenden Tisch - zwei Plätze im Schatten, einen in der Sonne -  und wir ließen uns nieder und bestellten unser Menue.

 

Alles fiel aus zu unserer vollsten Zufriedenheit, allerdings waren wir erstaunt, dass Clara überhaupt nicht zum Plaudern aufgelegt war. Sie konnte nur die Hälfte ihrer Portion vertilgen, und auf Fragen von uns antwortete sie nur mit ja oder nein. Meine Tochter und ich, wir schauten uns an und wunderten uns sehr. Wir kannten Clara eigentlich nur als Gesprächsmeisterin, die alle Themen gleich an sich riss. Wir machten uns auf den Weg zum Auto.

 

Meine Tochter kaufte für Clara eine große Tüte Obst, die sie dankend annahm. Auch der Abschied gestaltete sich, nicht zuletzt wegen Corona, sehr knapp, jedoch mit dem herzlichen Versprechen, bald wiederzukommen. Meine Tochter und ich, wir fuhren sehr nachdenklich nach Hause. Bei einem abschließenden Gespräch kamen wir überein, recht bald einen weiteren Besuch bei Clara zu planen,   um sicherzugehen, dass ihr nichts fehlte.

 

Gestern rief mich Claras Schwiegertochter zu Hause an und teilte mir mit, dass Clärchen in der Nacht zuvor sanft entschlafen war. Ich informierte sofort alle meine Familienmitglieder, teilte mit ihnen meine Trauer und zog mich zurück auf meine Terrasse, wo Clärchen so gerne zu Kaffee und Kuchen mit mir saß. Wir werden sie und ihre Geschichten aus ihrer bewegten Vergangenheit ganz bestimmt nie vergessen.

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