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Susann Barczikowski: Normal im Unnormalen

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Nach einem kurzen Abstecher in der Innenstadt, die an diesem Sonntag brechend voll ist, radele ich bei herrlichstem Wetter an der Usa entlang nach Friedberg. Von dort aus wollen wir bis an den Wölfersheimer See fahren. Unterwegs begegnen uns Familien mit Kindern, Hundebesitzer:innen und andere Fahradfahrer:innen, die freundlich grüßen. In den Gärten entlang unserer Strecke herrscht sonntägliches Treiben. Grills werden sauber gemacht, Tische gedeckt und hier und da zieht schon der Geruch von Grillanzündern durch die Luft. Von Corona keine Spur. Zum Glück, denke ich. Die Wetterau ist mit 548 (Montag) aktiven Fällen bisher noch glimpflich durch die Pandemie gekommen. Kein Wunder, dass die Menschen sich sicher fühlen und das schöne Wetter nutzen. Kaum jemand ist mit Maske unterwegs. Auch ich nicht. Die Gefahr, sich beim Fahrradfahren anzustecken, gilt als gering. Abstandhalten sollte genügen.

Auf unserer Tour durch die schöne Kulturlandschaft müssen wir zwei- dreimal den Fahrradweg verlassen und Bundesstraßen überqueren bzw. sogar ein Stück an der B455 entlang radeln. Kaum zu glauben, wie viele Autos unterwegs sind. Sicher fahren sie zu ihren Familien, zu Freunden oder die Oma besuchen, denke ich. Noch vor ein paar Monaten sah die Situation anders aus. Da waren sonntags kaum Autos auf den Straßen. Man ist zuhause geblieben. Coronabedingt.

Am See ist viel los. Picknickdecken am Ufer. Pärchen lassen die Seele baumeln. Kinder spielen Fangen. Der Fußball-Golfplatz ist gut besucht. Auf einer Wiese tollen Hunde. Eigentlich alles wie immer, denke ich. Alles ganz normal.

Zuhause schaue ich Nachrichten. Auf Lesbos ist die Lage noch immer sehr angespannt. Die Menschen im Flüchtlingslager Moria haben kein Wasser, nichts zu essen. Die Chinesen streiten sich mit Indien um ihre Grenzen. In den USA toben verheerende Waldbrände. In NRW verliert die SPD  bei den Kommunalwahlen und Zverev unterliegt Thiem im Finale der US-Open. Garmisch ist neuer Hotspot und weltweit sind 924831 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Wir haben uns an negative Nachrichten gewöhnt. An Katastrophen, Chaos, Tod und Leid. Das Unnormale ist normal geworden.

Foto: Barczikowski

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Kommentare: 1
  • #1

    Roswitha Henke (Dienstag, 15 September 2020 20:29)

    Wie immer: Autoren bringen alles auf den Punkt! Ein phantastischer Beitrag von Susann Barczikowski!
    Respekt!
    Aber an die negativen Nachrichten, werde ich mich ein Leben lang nicht gewöhnen können! Alles, was wir fleißigen Deutschen aufgebaut hatten: wird in Null Komma nichts zerstört!
    Die Frage ist: warum?
    Beste Grüße
    Roswitha Henke
    ( ehemalige Leiterin der Stadtbücherei Bad Nauheim)