· 

Antje Lilienthal: Blick in die Zukunft

Ich habe mir noch schnell das neue Buch von Zoe Beck, „Paradise City“, gesichert. In HR2 hieß es kurz nach Erscheinen, es sei nahezu ausverkauft. Und das hat mich neugierig gemacht. Jetzt tauche ich ein in eine Zukunftsdystopie, die mich vor einem Jahr sicher noch relativ kalt gelassen hätte, bei mir heute aber ein leises Gruseln verursacht. Dazwischen liegt Corona. Das Virus, so sagen viele, bringt uns letztendlich in unserer gesellschaftlichen Entwicklung einen gewaltigen Schritt nach vorn. Und so mancher möchte jetzt einen Blick in die Glaskugel tun.

 

 

Die 1975 in Ehringshausen geborene Autorin hat es mit ihrem Thriller gewagt. Sie lässt die Aufklärung eines mysteriösen Todes durch ein Journalistenteam irgendwann im späten 21. Jahrhundert spielen. Unser Land wurde von mehreren Pandemien heimgesucht, seine Küsten sind überschwemmt, Frankfurt ist neuer Regierungssitz; und mit einer Gebietsreform wurden ländliche Regionen mit umliegenden Mega-Cities nahtlos verschmolzen. Andere Gegenden und Einwohner, die sich der Entwicklung der Gesellschaft zu einem Gesundheits- und Überwachungsregime verschlossen haben, blieben sich selbst überlassen. Wie diese neue Welt entstanden ist, wird in Rückblenden eher angerissen als auserzählt.

 

Regiert wird das pseudodemokratische Land über Algorithmen, die das gesamte Leben der Bürger erfassen, ihre Gewohnheiten, ihre Bewegungen, ihre Begegnungen, ihre körperliche Verfassung. Den Menschen geht es gut, heißt es in dem Buch, so lange sie nicht fragen. Sie werden durch den Staat rundum versorgt, auch mit Nachrichten. „Die Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell lassen bei der Lektüre grüßen.

 

 

Die Protagonistin des Buches, Liina, arbeitet als Rechercheurin in einer staatlicherseits sozusagen als Feigenblatt tolerierten Wahrheitsagentur. Bei dem Bemühen, den wahren Nachrichten hinter den staatlichen Fake-Nachrichten auf den Grund zu kommen will, versucht diese mit allerlei Raffinesse der digitalen Steuerung ein Schnippchen zu schlagen. So erlebt der Leser mit Liina, was es bedeuten kann, in den Fängen der digitalen Überwachung zu stecken, wenn er Ziele verfolgt, von denen andere besser nicht wissen sollten. Seien es ganz persönliche Dinge oder die Aufklärung bedrohlicher Geschehnisse in ihrer nächsten Umgebung, die zu einer erschreckenden Erkenntnis führt.

 

 

Das Buch ist spannend geschrieben und gewinnt seinen verstörenden Reiz daraus, dass die Autorin Entwicklungen konsequent weiterdenkt, die sich heute schon abzeichnen. So erfährt der Leser, wie der gesundheitlich prekäre Zustand der Protagonistin auf Schritt und Tritt von einem digitalen Begleiter kontrolliert wird. KOS, so der Name des in dieser Gesellschaft omnipräsenten Gesundheitsüberwachers, beschränkt sich nicht nur auf Messen von Blutdruck, Herzfrequenz, Kalorienverbrauch und Schlaf wie die heutigen smartwatches. Er registriert Ess- und Trinkgewohnheiten und meldet sich bei jeder Unregelmäßigkeit mit diversen Handlungsanweisungen zu Wort bis zur ultimativen Aufforderung, ein medizinisches Gesundheitszentrum aufzusuchen.

 

Selbstverständlich in dieser Zukunft sind neben medizinischer Überwachung: künstliche Befruchtung, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Namen wie Dr. Mahjoub, Özlem und Yassin, der Verzicht auf Fleischverzehr, Sprinterbahnen durch Zentralhessen, der Verleih von e-Mobilen statt Privatautos oder das Verschwinden von Mütze, Handschuhe und Schal, Bargeld und Büchern von der Bildfläche.  

 

Als Zoe Beck ihr Manuskript beim Suhrkamp Verlag ablieferte, gab es Corona noch nicht. Jetzt hat zumindest das pandemische Virus die Fiktion schon eingeholt – und ein regelrechter Run auf das Buch hat eingesetzt

 

Foto: Antje Lilienthal

Kommentar schreiben

Kommentare: 0