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Susann Barczikowski: Träume

Die Corona-Pandemie hat viele Seiten. Mütter und Väter sind im Homeoffice, in Kurzarbeit, geringfügig Beschäftigte und viele Student:innen haben ihre Nebenjobs verloren. In meinem Freundeskreis sind erwachsene Kinder wieder zurück ins „Hotel Mama“ gezogen, weil die Studentenbude nicht mehr lohnt oder nicht mehr bezahlt werden kann.

„Warum soll ich mein Zimmer in Berlin behalten, wenn ich mein Studium in den nächsten Semestern sowie so nur online vorantreibe“, sagt die Tochter einer Freundin. Mit Sack und Pack ist sie dann im Frühjahr aus der Hauptstadt in die Wetterau zurückgekehrt. Nicht ganz freiwillig, wie sie meint. Aber aus wirtschaftlichen Gründen sei es eben nicht anders machbar. Gut, dass bei den Eltern Platz für die 25-Jährige ist.

Eine andere junge Frau hatte sich für ihr Master-Studium an verschiedenen Unis beworben. Sie hätte zwischen München und Leipzig, Hamburg und Berlin wählen können. Aber : „Ich habe in der momentaneren Situation gar keine Lust in eine Großstadt zu gehen. Ich würde wegen der Pandemie nicht ausgehen und könnte andere Leute nur per Chat kennenlernen. Das bringt mir nichts, und die Vorlesungen kann ich genauso gut von hier aus belegen.“ Ein Traum sei für sie damit geplatzt. Der Traum vom freien Leben in einer quirligen Studentenstadt, mit anderen jungen Leuten und weit weg von zuhause. Dennoch sind beide optimistisch. „Es wird weitergehen.“

Mit meinen Freunden auf Mallorca tausche ich regelmäßig WhatsApp-Nachrichten aus. Auch sie sind von den Auswirkungen der Pandemie betroffen.

Ich: Wie geht’s euch im Augenblick?

A: Och, es geht soweit ganz gut. Aber gerade hört man, dass hier alles wieder schlimmer wird. Es sollen wieder Ausgangssperren verhängt werden. Ich kann das kaum nachvollziehen. Hier sind alle so diszipliniert. Bis auf ein paar Deppen, die feiern wollen. Schlimm.

Eine andere Freundin lebt und arbeitet seit 30 Jahren auf Mallorca, zum Glück nicht in der Tourismusbranche. In ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis sind alle bisher gesund durch die Krise gekommen. Aber …

F: Susann, du kannst dir nicht vorstellen, wie sich mein Leben durch die Pandemie verändert hat. Nur noch Arbeit, dann nach Hause. Auf einmal wieder so hohe Ansteckungsquoten, unfassbar. Strände sind wieder gesperrt …Viele Restaurants und Hotels können bald dicht machen, wenn das so weiter geht. Den nächsten Lockdown werden nicht alle durchstehen.
Bis bald, aber wer weiß in diesen Zeiten schon, wann?

Seit vergangenen Samstag werden bestimmte Strände per Hubschrauber überwacht. Es sei eine Demonstration der Stärke, schreibt die Mallorca Zeitung, dass die Guardia Civil (örtliche Polizei) nun mit dem Helikopter „im Tiefflug“ die verordnete nächtliche Schließung zwischen 21 Uhr abends und 7 Uhr morgens überprüfe. Auch Parks würden nachts wieder verstärkt kontrolliert. Die Gesundheitsbehörden übermittelten zusätzlich Daten von Personen, die unter Quarantäne stehen an die Guardia Civil, um zu prüfen, ob sie sich an die verordnete Maßnahme hielten.

In Deutschland streiten sich Maskenverweigerer mit Maskenträgern, Corona-Gegner bedrohen die öffentliche Sicherheit und Wahrheit wird als Lüge verkauft. Oder umgekehrt.

Ich finde das bedrückend. Sehr bedrückend. Die Corona-Pandemie läßt Träume platzen und zwingt zum Umdenken. Sie beeinflusst Familien, Kinder, Studierende und Arbeitswelt – und sicherlich auch unser Freizeitverhalten. Aber wir können es wagen, neu zu träumen.


Foto: Susann Barczikowski

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Kommentare: 1
  • #1

    Bernhard BertschaT (Dienstag, 08 September 2020 13:22)

    Ein guter Beitrag zur deutschen Wirklichkeit ...
    Leider traurig ... durchhalten und auch mal den Blick auf andere, schlimme Entwicklungen lenken ... Belarus ...etc. Das relativiert vieles!
    LG