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Martin Heß: Q

 

 

    Da können wir uns ja auf einiges gefasst machen! Laut einer aktuellen Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung glauben rund 30% der Deutschen an Verschwörungsmythen. Bei den Anhängern der AfD stimmen rund 56% der Aussage zu, dass "geheime Mächte die Welt steuern.“  Auf diesen fruchtbaren Boden fällt nun die Erzählung von der Verschwörung aller Verschwörungen, die Meta-Theorie "QAnon".

 

    Diese neue Superverschwörungstheorie befindet sich gerade in einer Ausbruchsphase und schwappt von den Vereinigten Staaten nach Europa.  Mindestens 3 Millionen Menschen haben sich bereits in tausenden von Interessengruppen auf Facebook organisiert und folgen dem Mythos „Q“. Auf den Corona-Demonstrationen in der letzten Zeit waren nicht wenige Fahnen und Plakate mit eindeutigen Symbolen dieser neuen Wahnidee zu sehen. Dort gilt Corona als Fake, eine gigantische Fälschung, bei der zehntausende von Wissenschaftlern und Ärzten weltweit unter einer Decke stecken und der in Wirklichkeit, den eigentlichen Beherrschern der Welt, einer kleinen Elite, zum Ausbau ihrer Macht dient. Die Menge an Foren und Postings zu diesem Thema wächst derzeit explosionsartig. Etwa ein Drittel der Wähler der republikanischen Partei in den USA hält diese Story für plausibel. 14 Kandidaten der Republikaner bekennen sich bei der anstehenden Wahl zum Kongress zu QAnon. Der Präsident selbst platziert immer wieder Hinweise in Interviews und Ansprachen, dass er diesen Kult unterstützt. Kein Wunder, ist es nicht zuletzt auch ein Kult um seine Person. 

 

    Ursprung und Ausgangspunkt dieser absurden Gedankenwelt sind die Verlautbarungen eines gewissen „Q“, der anonym bleibt und im Netz regelmäßig über angebliche Verschwörungen in allerhöchsten Machtzirkeln berichtet und behauptet, Zugang zu geheimen Quellen und verborgenen Informationen zu haben. Millionen Menschen weltweit nehmen diesen hochtrabenden Quatsch inzwischen für bare Münze. Seine Verlautbarungen lesen sich - nach etlichen nicht eingetroffenen Voraussagen in der Anfangsphase - inzwischen meist unverständlich und ermöglichen seinen Followern alles Mögliche hinein zu interpretieren, was diese auch fleißig tun.

 

    Im Zentrum seiner Quatschwelt herrscht eine geheime Elite aus missliebigen, linken Politikern, mächtigen Juden und Unternehmern über die Welt, hält Kinder in geheimen Lagern unter der Erde gefangen, gewinnt aus deren Blut ein Verjüngungsmittel und Donald Trump ist in Wahrheit der geheime Retter der Welt. (Er hat sich selbst in diesem Zusammenhang auch schon als "Überläufer" bezeichnet, der früher selbst zur Elite gehört habe und dann aber auf die Seite der Guten gewechselt sei. Eine Bekehrungsgeschichte, wie sie die christliche Seele liebt ...)  Ein weiteres Erfolgsrezept dieses wahnwitzigen Gedankengebäudes ist die Möglichkeit für jede und jeden daran mitzubauen. Es werden ständig neue Erzählungen hinzugefügt, weiterverbreitet und die Gemeinde glaubt inzwischen buchstäblich und wortwörtlich alles. Oder tut zumindest so.

 

    Und so passen unter das Dach dieser Metaverschwörung praktisch alle anderen bereits existierenden oder gerade erfundenen Verschwörungserzählungen, ob die von der flachen Erde, der gefakten Mondlandung, der Täterschaft des CIA bei 9/11 und alle Gerüchte rund um Corona, bis hin zu extremen Auffassungen vom linken und rechten Rand des politischen Spektrums.  Din Grunderzählung ist dabei rassistisch, antidemokratisch und menschenfeindlich. Nichts ist zu krass, zu abgefahren oder zu unglaubwürdig, als dass es nicht von diesen Verschwörungsgläubigen begeistert aufgenommen würde. Innere Widersprüche werden ausgeblendet, nicht zusammenpassendes kreativ zusammengefügt.

 

    „Seltsam ist der Mensch, wenn er seine Götter sucht“, schrieb R. Ripley. Und noch merkwürdiger wird es, möchte man hinzufügen, wenn er seine Teufel sucht!  Verschwörungen sind wie Religionen Glaubenssache. So unwahrscheinlich wie Jungfrauengeburt und über’s-Wasser-wandeln, so unwahrscheinlich sind Verschwörungen mit vielen Menschen über lange Zeit. Es gibt sie allenfalls als übernatürliches Wunder, weil sie nach den Gesetzen der Systemtheorie, der Kommunikation und der Psychologie gar nicht existieren können.

 

    Es gibt sie nicht und es hat sie noch nie gegeben. Keine einzige wurde je aufgedeckt und keine einzige hat jemals funktioniert, ganz einfach, weil sie nicht existierten. Es sind Mythen, die auf Glauben beruhen. Glauben, der damit zu tun hat, nicht erfassen zu können, was Komplexität tatsächlich bedeutet, wo sie herkommt und wie sie die Welt bestimmt. Vor allem auf dem Aberglauben, das Geschehen in der Welt sei steuerbar, wenn man nur genügend Macht habe. Ihr Verständnis der Dinge ist einfach nicht ausgeprägt genug um zu erkennen, dass es auch jede Menge Zufälle und unvorhersehbare Wechselwirkungen gibt auf diesem Planeten und dass der Umgang damit eher einem Fußballspiel gleicht, bei dem man zwar eine Strategie hat, aber dann doch andauernd etwas neues geschieht, kaum etwas so richtig klappt und man einfach schauen muss, so gut wie möglich durch das Chaos zu kommen. Echte Verschwörungen funktionieren nur mit einer begrenzten Anzahl von Menschen und nur für sehr kurze Zeit. Dann fliegen sie auf. Es geht gar nicht anders.

 

    Unsicherheit und Angst bilden das beste Biotop für Verschwörungstheorien. Wenn die Menschen nicht wissen, was als nächstes passieren wird und sich eine Menge Sorgen machen, verbreiten sich die wildesten Gerüchte, getragen von den damit verbundenen Emotionen, rasend schnell. Social Media verleihen diesem Geschehen in unserer digitalisierten Welt eine besondere Wucht und Geschwindigkeit, aber das Phänomen ist so alt, wie die Kommunikation selbst und kann sogar im Tierreich beobachtet werden, wenn ein Erdmännchen etwa einen Fehlalarm auslöst und die Flucht in die Höhle die ganze Gruppe erfasst, oder bei einer Rinderherde, wo eine an einem Ende entstehende Unruhe sich in der Herde ausbreitet und schließlich das gefürchtete „stampede“, die Massenpanik, auslösen kann. Kann man das mit epidemisch sich ausbreitenden Verschwörungserzählungen vergleichen? Teilweise.

 

    Der Mensch braucht Geschichten wie die Luft zum Atmen. So wie sich der Körper selbst ein bestimmtes Milieu mit der richtigen Körpertemperatur erzeugt, damit sein Stoffwechsel funktionieren kann, so erschafft das Gehirn stets eine Erzählung, die dem aktuellen Geschehen, das es zu verarbeiten hat, einen Sinn verleiht. Wir versuchen immerzu zwanghaft allem, was passiert, eine Bedeutung zu geben und im psychologischen Experiment zeigt sich, dass wir auch dort Bedeutungen und Zusammenhänge wahr zu nehmen glauben, wo gar keine sind und die Ereignisse auf einem Zufallsprozess beruhen. Es scheint ganz offensichtlich so zu sein, dass es für viele Menschen deshalb geradezu unerträglich ist, für eine schwierige Lage, in der sie sich befinden, (noch) keine Erklärung zu haben, und sie deshalb lieber an Geschichten glauben, die völlig widersinnig sind, als das Wissensvakuum und ihr eigenes Ausgeliefertsein auszuhalten. Diese Leere  erzeugt ansonsten eine tiefe, existentielle Angst, die durch eine Verschwörungstheorie abgewehrt und in Wut verwandelt wird. Dies ist eine wichtige psychologische Funktion, der Krankheitsgewinn sozusagen, den man einer Gesellschaft auch nicht so ohne weiteres wegnehmen kann, wenn man gegen Verschwörungsmythen angehen möchte.

 

    Um ihre entlastenden Zwecke zu erfüllen müssen Verschwörungserzählungen auch keineswegs einfach sein. Sie leisten nämlich nicht nur die Reduzierung einer hyperkomplexen Welt auf eine einzige Erklärung, sondern ermöglichen auch Angstreduktion. Deshalb ist es eben keine ausreichende Strategie, lediglich zu versuchen, die den typischen Verschwörungsannahmen zugrunde liegenden Irrtümer zu korrigieren, das Unwissen zu beseitigen, die himmelschreienden Fehlannahmen richtig zu stellen, sei es hinsichtlich Natur, Gesetzen, Fakten, Institutionen oder wo sonst sich die Absurditäten zeigen. Es ist selbstverständlich ebenso richtig und wichtig, das im öffentlichen Raum, in der politischen Arena zu tun. Zweifellos bedürfen Behauptungen des gnadenlosen Factchecking, der Richtigstellung im politischen Diskurs, in Nachrichten, Talkshows und Kommentaren.  Aber im privaten genügt das nicht. Im Gegenteil! Hier kann das, was politisch geboten ist, die Trennung sogar noch vertiefen. Es braucht zwei unterschiedliche Strategien im privaten und im öffentlichen Raum.

 

    Die Seuche scheint sich auszubreiten. Jeder kennt inzwischen mehrere Personen persönlich, sei es aus dem privaten oder beruflichen Umfeld, die dem wutgetriebenen Phantasieren anheimgefallen sind. Nicht zwangsläufig die dümmsten und emotional instabilsten. Diese Menschen scheinen aber ab einem gewissen Grad für Außenstehende unerreichbar. Hier helfen keine Fakten und Logik zieht nicht mehr. Im Gegenteil. Je stichhaltiger die Gegenargumente, desto tiefer verstricken sie sich in Illusionen bzw. kommunizieren so, als ob sie es täten. Wenn hier überhaupt noch etwas möglich ist, dann über Empathie, also das einfühlen in die prekäre emotionale Lage der Verschwörungspraktikerinnen und -praktiker. Nachfragen, aktives Zuhören, Verständnis ausdrücken, Feedback geben, quasi therapeutische Kommunikation mag über die ärgsten zwischenmenschlichen Abgründe hinweghelfen. Am Grundproblem aber, der durch Ansteckung erworbenen toxischen Wirklichkeitskonstruktion, ändert das zunächst nichts. Dafür braucht es die Kraft einer Gruppe. Wir werden das bald hier diskutieren. Das Thema ist noch am Anfang, leider.

  Martin Heß

 

siehe auch:

 

frontal 21 (vom 28.08.20) und  Wie argumentieren gegen Verschwörungsmythen?

 

 

 

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