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Jule Heck: Maskenball

Foto: Jule Heck
Foto: Jule Heck

Von einer früheren Arbeitskollegin hatte ich eine Einladung zum 65. Geburtstag bekommen. Das letzte Mal hatte ich sie zu ihrem 60. Jubelfeste gesehen. Ansonsten beschränkte sich unser Kontakt auf Mails und WhatsApp, ab und zu mal ein Telefonat. Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass sie feiern, geschweige denn, dass ich eingeladen würde.

 

Ich freute mich zwar über die Einladung, deren Text mit dem makabren Satz „Lieber eine Maske vor dem Gesicht, als einen Zettel am Fuß“ begann, grübelte aber eine ganze Weile, ob ich sie annehmen sollte. Ich hatte eigentlich keine Lust, zu einer Party mit einem Stoffteil vor dem Gesicht zu gehen und Leute zu treffen, mit denen ich sonst wenig zu tun habe. Zumal meine ehemalige Arbeitskollegin, auf Grund ihrer Mitgliedschaft und aktiven Teilnahme in einem Karnevalsverein, viele Leute kennt und sie gern alle einlädt.

 

Nach einem ausführlichen Telefonat, in dem ich erfuhr, dass die Party in abgespeckter Form mit nur wenigen Gästen stattfinden sollte, nahm ich also die Einladung zum „Maskenball“ an. Das Motto und die Ausrichtung der Feierlichkeit hatte sie gewählt, weil die bevorstehenden Karnevalsveranstaltungen in ihrem Ort alle abgesagt wurden, sie aber trotzdem auf ein bisschen karnevalistischer Einlage nicht verzichten wollte.

 

Also machte ich mich am letzten Samstag auf den Weg zu ihrer Geburtstagsfeier. Schon am Hauseingang wurde ich mit Anweisungen auf einer Tafel empfangen. Im Haus galt Maskenpflicht und Abstandsregel, die vorgezeichneten Wege waren eingehalten. Es würde zudem begrüßt, wenn man den Mund-Nasenschutz auch im Garten, wo die eigentliche Feier stattfinden sollte, aufließ. Pfeile am Boden zeigten mir den Weg ins Freie. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass trotzdem über dreißig Personen anwesend waren, die bereits an weit auseinanderstehenden Hochtischen unter mehreren Pavillons Platz gefunden hatten, hier nur mit geringem Abstand, aber mit Gesichtsbedeckung.

 

Der Garten war mit venezianischen Masken dekoriert und die vielen Laternen zauberten eine wunderschöne Atmosphäre. Für jeden gab es einen Teller mit Fingerfood und eine leckere Bowle, aber ohne Alkohol. Vor der Toilette im Haus waren auf dem Boden sogar Abstandshalter angebracht und überall stand reichlich Desinfektionsmittel. Ich war begeistert von der Idee und der gut ausgetüftelten Organisation, was mich aber nicht überraschte. Meine ehemalige Arbeitskollegin war schon immer ein Organisationstalent gewesen.

 

Die Stimmung war hervorragend und trotz Mund-Nasen-Schutz, den zu meiner Überraschung alle aufließen und der nur kurz gelüftet wurde um etwas Essbares in den Mund zu schieben oder um am Glas zu nippen, war die Unterhaltung recht rege. Natürlich war das vorrangige Thema die Corona-Krise und ihre Folgen.

 

Interessant waren nicht nur die unterschiedlichen Erfahrungen, die die Gäste bereitwillig austauschten, sondern die vielfältige Gestaltung ihrer Masken. Alle hatten sich viel Mühe gegeben mit dem lästigen Teil und ich staunte über die farbenfrohen Bilder, Logos, Stickereien und Perlen, die die Masken zierten.
Ich selbst hatte ein Stoffteil aus einem blau-weißen Stoff gewählt, der zu dem Ort in Bayern, in dem die Gastgeberin wohnte, passte. Nicht eine einzige, langweilige medizinische Maske, die auch ich gern zu Einkäufen nutze, war zu sehen. Das Motto der Party - „Maskenball“ - fand hier auf jeden Fall große Zustimmung. Auch zu später Stunde blieben die Gesichter bedeckt. Ich war begeistert über die Disziplin und meine Bedenken, die Party könnte ausarten, waren schnell beseitigt.

 

Umso trauriger und wütender machen mich Bilder und Nachrichten in den Medien über ausufernde Feierlichkeiten unter Freunden und in Familien, die dann eine Corona-Erkrankung nach sich ziehen und deshalb wieder Schulen und Kindergärten sowie ganze Abteilungen in Firmen geschlossen werden müssen.


Warum muss das sein? Es geht doch auch einmal anders.  
 

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