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Petra Ihm-Fahle: Besuchsverbot

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Gerade lese ich das Buch „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken“ von der Krankenschwester Nina Böhmer. Ich bin noch nicht weit und schon hat es sich gelohnt, da ich etwas lese, das ich schon lange vermutet habe: Für Pflegepersonal ist das Corona-bedingte Besuchsverbot mitunter eher angenehm.

 

"Es folgte das Besuchsverbot für die Patienten, was mir sehr leid tat, aber andererseits war es dadurch auch ruhiger für uns.  Denn ehrlich gesagt: Manchmal sind die Besucher in den Kliniken anstrengender als die Patienten selbst“, schreibt Böhmer. Wie sie fortfährt, seien manche Besucher sehr penibel, fragten sehr viel, erwarteten Perfektion und dass ihre Lieben bestmöglich behandelt werden (S. 22).

 

Sicher erwarte ich als fürsorgliche Angehörige, dass der/die Kranke bestmöglich behandelt wird. Sagen wir so, man wünscht es sich. Im Grunde wäre man zufrieden, wenn gewisse Standards eingehalten würden, zumindest keine Vernachlässigung stattfände. Sicher ist es nicht in allen Kliniken so, wie Positiv-Erlebnisse belegen. Es gibt viele tolle Schwestern und Pfleger, die ein hohes Berufsethos haben. Das Gesundheitswesen ist die wichtigste Branche derzeit.

 

Aber was ich in den letzten Jahren in Krefeld mitbekommen habe, war nicht schön. Meine mittlerweile verstorbene Mutter lag verschiedene Male in der Klinik. Dann kam ich von Bad Nauheim, hütete das Haus und setzte mich zu ihr ins Krankenzimmer. Dabei bekam ich einiges vom Pflegenotstand mit. In einer Klinik (Helios) war es tatsächlich so, dass kaum bis gar kein Personal da war. In einer anderen (Maria Hilf) gab es jede Menge Schwestern, die allerdings lieber gemeinsam an ihren Computerarbeitsplätzen saßen als ins Patientenzimmer zu gehen.

 

Ich schlug oft auf den Tisch, verhinderte eine überflüssige OP und leitete einiges in die Wege, was meiner Mutter zugutekam. Natürlich macht dich das nicht beliebt bei Pflegepersonal oder den Ärzten. Da mein Ex-Mann Krankenpfleger ist, habe ich jedoch etwas Wissen und Selbstbewusstsein in dieser Hinsicht.  

 

Nun trug es sich zu, dass meine Mutter am 11. Mai, während des Lockdowns, einen schweren Schlaganfall erlitt und niemand zu ihr ins Krankenhaus durfte. In der Klinik schien sie noch gut aufgehoben zu sein, schlimm wurde es meiner Meinung nach aber in der Kurzzeitpflege (Kursana). Am Telefon empfand ich die Einrichtung als „Loch“. Doch den Beweis, dass es nicht wirklich eine Wohlfühl-Oase war, hatte ich erst, als das Besuchsverbot endlich aufgehoben wurde und ich hinfuhr. Meine Wahrnehmung über die „Zustände“ mag übertrieben sein, auf jeden Fall beschloss ich, meine Mutter nach Hause zu bringen. Kurz darauf starb sie noch in der Einrichtung.

 

Nach ihrem Tod hegte ich kurzfristig Rachsucht gegen bestimmtes Personal aus diesem konkreten Haus. Es hatte diese Frauen genervt, dass ich täglich anrief, mich nach dem Befinden meiner Mutter erkundigte und sie sprechen wollte. Dass ich hartnäckig blieb, etwa bei der Frage, wieso meine Mutter nach zehn Tagen immer noch keinen Arzt gesehen hatte. Als besonders schlimm erlebte ich die stellvertretende Pflegedienstleiterin R. und Schwester A. Frau R. begann, mich am Telefon anzuschreien. A. verwehrte mir eine Vase, als ich meiner Mutter zum 85. Geburtstag einen Blumenstrauß brachte. Eine dritte Pflegerin schnauzte mich im Kasernenhof-Ton an, weil ich die Besuchszeit überschritten hatte. Es war das letzte Mal, dass ich meine Mutter lebend sah. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass meine Schwester, die sich toll kümmerte, wunderbar mit den Damen zurechtkam, die nett und hilfreich gewesen seien. Allerdings erzählte sie mir auch, dass sich die Pflegerinnen häufig über mich beschwert hätten. 

 

Ich wünsche diesen Frauen … ach, was soll ich ihnen wünschen? Ich belaste nur meine Nerven damit. Meinen Applaus haben sie jedenfalls nicht verdient. 

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