· 

Antje Lilienthal: Frischer Blick auf die Maske

 

 

Hoffentlich haben recht viele am letzten Samstag den Blogbeitrag von Max Auer gelesen. Und vielleicht haben sich einige auch leise geschämt. Um andere Leben zu retten, trägt der Feuerwehrmann neben einer schweren Schutzausrüstung auch eine schwere Schutzmaske, durch die er nur schlecht atmen kann und die Striemen in seinem Gesicht hinterlässt. Wie ihm zumute ist, wenn sich Menschen wie Du und Ich bei der kleinsten Gelegenheit, eine leichte Stoffmaske mit einem „Uff, Ihr habt doch sicher nichts dagegen“ vom Gesicht reißen, lässt der Text nur ahnen.

 

 

Was denkt er, wenn der hessische CDU-Kultusminister am 20. August „das stundenlange Tragen“ von Masken im Unterricht für Minderjährige eine „Zumutung“ nennt. Und die AfD noch einen draufsetzt. Für ihren bildungspolitischen Sprecher Heiko Scholz grenzt das Tragen von Masken an „Körperverletzung“. Noch schlimmer also als ein Maulkorb, als den etliche seiner Parteikollegen die Mund-Nasenschutz-Bedeckung bezeichnen.

 

 

Wohl, weil das Thema leider so unbeliebt ist und obwohl sich die Leopoldina-Akademie für eine Maskenpflicht auch im Unterricht von der fünften Klasse an ausgesprochen hat, verzichten etliche Landesregierungen auf diesbezügliche Vorgaben. Sie überlassen den Schulleitungen die Regelungen. Vollmundig setzt man wie Lorz auf „Pädagogik und Einsicht“. Und weil es damit nicht immer so weit her ist, schlagen sich die Schulen derweil mit Klagen von Eltern und Schülern herum wie in Wiesbaden und Schleswig. Laut Verwaltungsgericht in Schleswig vom 19.8. greift die Maskenpflicht in das „Grundrecht auf allgemeine Handlungsfreiheit ein“. Manche Menschen klagen gar nicht erst, sondern legen gefälschte Attests aus dem Internet vor, um keine Maske tragen zu müssen.

 

 

Vergessen wird bei den endlosen Diskussionen über Befindlichkeiten und Freiheitsrechte rund um die dünne Stoffmaske, wie sehr sie vor der Übertragung von Corona-Viren schützt. Studien belegen, dass allein in Italien 78 000 Infektionen durch das Tragen von Masken verhindert wurden und in New York City 66 000. Eine kanadische Meta-Analyse zu dem Thema ergab vor einigen Wochen, dass die „chirurgische Maske, falls korrekt getragen, den Träger und sein Gegenüber zu neunzig bis fünfundneunzig Prozent vor der Viruslast schützt“ (FAZ vom 20.8.20220).  Bei Selfmade-Masken gehen die Forscher je nach Material von mindestens siebzig Prozent Schutz des Gegenübers und fünfzig Prozent Eigenschutz vor Viren aus. Sars Mitentdecker Yuen Kwokyung betont zudem, dass ein Maskenträger unabhängig davon bei einer Infektion auch weniger Viren abbekommt, was einen entscheidenden Einfluss auf den Schweregrad und den Verlauf der Krankheit hat.

 

 

Diese lebenswichtigen Aspekte werden in der öffentlichen Diskussion sträflich vernachlässigt. Das geht wohl zu einem großen Teil auf die lange Zeit negativ verbohrte Haltung von WHO und RKI zum Tragen von Masken zurück. Auch wenn viele Erkenntnisse bezüglich Covid-19 zu Beginn der Pandemie noch nicht vorlagen, so hätten die westlichen Institutionen doch von ihren asiatischen Kollegen lernen können, dass Masken generell eine Barriere für Tröpfchen bilden. Denn das hatten diese im Zusammenhang mit Sars- und Mers-Viren bereits erforscht. Die WHO schwenkte in ihren Empfehlungen erst Anfang Juni um.

 

 

Klaus Dieter Zastrow, Professor für Hygiene an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen, der zuvor auch Leiter des Fachgebiets Übertragbare Krankheiten beim RKI war, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Mit Masken für alle wäre die Pandemie im Keim erstickt worden. Es ist ein Skandal, dass sich WHO und RKI dagegengestellt haben. Stattdessen hätte die Botschaft lauten müssen: Ziehen Sie sich irgendetwas über Mund und Nase, alles ist besser als nichts.“ Bis heute verneint das RKI Hinweise auf einen Eigenschutz für Träger von einfachen Masken. Und auch deshalb waren sie und bleiben sie in der Bevölkerung ein ungeliebtes Übel. Nora Szech erforscht am Karlsruhe Institute of Technology Anreize menschlichen Verhaltens: „Für die Motivation, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, ist es immer besser, wenn die Menschen wissen, dass sie damit auch etwas für sich selbst tun“, sagt sie.

 

 

Weil uns dieses Bewusstsein fehlt, geht uns die Maske so auf den Geist. Als eine ältere Bekannte von mir zu Beginn der 1. Infektionswelle eine jüngere Frau um mehr Abstand bat, wurde sie angeherrscht. „Wegen Euch Alten machen wir das hier alles mit.“ Hoffentlich ist sie mittlerweile eines Besseren belehrt.  Denn immer mehr junge Leute erkranken an Covid-19. Wenn wir nicht wollen, dass die Zahl der Neuinfizierten immer weiter steigt und damit auch die Zahl vorübergehender Schulschließungen und anderer Hygieneschutzmaßnahmen, sollten wir alles daransetzen, einen neuen Blick auf die Maske zu entwickeln. Und zwar einen, den Feuerwehrmann Auer uns voraushat: Es geht keineswegs um eine persönliche Zumutung, sondern um den Schutz auch unserer eigenen Gesundheit.

 

 

 

Foto: Antje Lilienthal

 

 

 

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/maske-gesundheitsbehoerden-coronavirus-1.4963751

 

 

 

 

 

 

 

.   

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0