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Martin Heß: It´s the intelligence, stupid!

Neulich las ich, man solle sein Immunsystem stärken. Das klingt vernünftig. Gerade in diesen Zeiten. Schließlich handelt es sich bei Corona um eine Infektion und Infektionen werden vom Immunsystem bekämpft. Stärken ist also immer gut. Immer? Nun ja, teils teils. Sich für eine Corona-Infektion zu rüsten, indem man das Immunsystem stärkt, ist natürlich ein bisschen so, als ob man sich auf eine Mathe-Prüfung vorbereitet, indem man ins Sportstudio geht. Das ist ganz klar in gewissem Sinne auch hilfreich („Gesunder Geist ...“ und so weiter) geht aber doch am Wesentlichen vorbei. Tragischer Weise ist es sogar so, dass zahlreiche Covid-19 Patienten schließlich gar nicht an einer Unter- sondern im Gegenteil an einer Überreaktion ihres Immunsystems, dem „Zytokinesturm“ (Hyperzytokinämie) versterben. In seinem verzweifelten Kampf gegen ein übermächtiges Virus, produziert das Immunsystem nämlich am Ende solche Mengen an Interleukin-6 und anderen Zytokinen, dass es zu schweren entzündlichen Reaktionen im Körper kommt, die zum Tod führen. Das kennt man aus dem Militärischen: Auch die größte Kampfkraft verpufft wirkungslos oder schädigt sogar als „friendly fire“ die eigenen Truppen, wenn Informationen fehlen oder falsch sind. Zum Beispiel darüber, wer der Gegner überhaupt ist, wo er steht und wie er unschädlich gemacht werden kann. Damit das Immunsystem seine wie auch immer geartete Stärke entfalten kann, muss es diese Art Informationen über das Virus zunächst einmal erzeugen. Es muss lernen. 

 

     Nicht Stärke sondern Intelligenz ist der Überlebensfaktor Nr. 1 in dieser Krise. Und das gilt individuell für jeden einzelnen Menschen und sein Immunsystem. Das gilt auch für Gruppen und emotionale Gemeinschaften von der Familie über Kommunen, Länder und Nationen, bis hin zur Menschheit als Ganzes. Die stärkste und am besten vorbereitete Nation der Welt, die Vereinigten Staaten von Amerika, scheitern an dieser Herausforderung aufgrund der epochalen Dummheit ihrer Administration, die nicht in der Lage war, Informationen zum Pandemie-Geschehen adäquat zu bewerten, wissenschaftlich echtes Wissen von Unsinn zu unterscheiden und rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. An der Spitze bei Infektionen und Toten stehen sämtlich populistisch regierte Länder wie die USA, Brasilien und Großbritannien. Am intelligentesten reagierten auffallend viele weiblich regierte Staaten wie Neuseeland, Island, Norwegen, Deutschland, Taiwan oder Finnland. Sogar in jeder Hinsicht schwächere Länder als die USA, wie die europäischen und asiatischen, ja sogar einige Staaten der 3. Welt, haben diese Aufgabe weitaus besser gemeistert. Sie haben verstanden. Sie haben gelernt. Es wurde rechtzeitig informiert und gewarnt, es wurde für große Transparenz gesorgt. Das war intelligent. Das hat Menschenleben gerettet. Sehr viele Menschenleben. 

 

     Intelligenz ist die Fähigkeit, sich auf Neues einzustellen, also zu lernen. Sie hat viel zu tun mit geistiger Beweglichkeit, Flexibilität, Logik und Geschwindigkeit im Denken. Manches davon ist dem Menschen gegeben und der eine bringt mehr - der andere etwas weniger davon mit auf die Welt. Inwieweit eine ganze Bevölkerung aber in der Lage ist, die Situation einer Epidemie zu erfassen und sich auf neue Notwendigkeiten und Verhaltensweisen, auf Hygieneregeln und Maskentragen einzustellen, also als Nation intelligent zu handeln, das ist nicht von der individuellen Intelligenz der Bevölkerung – sondern von der politischen Intelligenz der Führung abhängig. 

 

     Was meine ich mit politischer Intelligenz? Auch hier: Die Fähigkeit zu lernen, sich auf neue Umgebungen und veränderte Bedingungen einzustellen und wirkungsvoll zu handeln. Das Problem mit den Populisten und den Diktatoren, zu denen sie am Ende immer werden (wollen), ist ja stets ihre Unwilligkeit – und meist wohl auch Unfähigkeit – soziale Entwicklungen und gesellschaftlichen Wandel überhaupt zu akzeptieren. Sie predigen und versprechen die Wende zum Gestern, zum Vorgestern gar, als die Welt noch in Ordnung, Amerika noch „Great“, England der Nabel der Welt und Mohren noch Mohren waren. Konsequenter Weise lehnten die Republikaner deshalb auch Wissenschaft als Grundlage für rationale, politische Entscheidungen ab, zugunsten des ominösen „Bauchgefühls“ ihres Präsidenten. Experten wurden verächtlich gemacht, nicht in die politische Strategie passende Informationen zu „Fake-News“ erklärt. In zwei bizarren Interview-Ausschnitten können wir auf YouTube bestaunen, wie der Führer der freien Welt ernsthaft behauptet, er habe ein sehr gutes Gefühl für Virologie, da ein Verwandter von ihm einst in der Forschung tätig gewesen sei. Und legendär auch die Antwort des weißrussischen Diktators Lukaschenko in Eishockey-Ausrüstung an eine Reporterin: „Ich verstehe das nicht. Hier gibt es keine Viren. Sollen die etwa hier herumfliegen? Ich sehe sie nicht!“ 

 

     Es ist eher unwahrscheinlich, dass es einem Diktator gelingt, sein Land und seine Leute auf notwendige Veränderungen einzustellen, denn sein Lebens- und Überlebensprinzip muss es stets sein, die herrschenden Verhältnisse festzuhalten, den Status quo zu sichern und sei es in puncto Hosenschnitt, wie in Nordkorea. Lukaschenko sieht nicht nur die Viren nicht. Ihm sind auch andere Wandlungsprozesse in der Bevölkerung entgangen und er hat es versäumt, darauf zu reagieren. Corona wirkt - wie so oft - auch hier als Katalysator politischer Prozesse. Es gibt aber leider keinen Grund für allzu großen Optimismus, dass es diesmal gut ausgeht.

 

Martin Heß

 

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