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Rita H. Greve: Die Anderthalb-Meter-Gesellschaft

Bild: Pastell von R.H. Greve
Bild: Pastell von R.H. Greve

Blaise Pascal, der französische Mathematiker, Physiker und Religionsphilosoph aus dem 17. Jahrhundert, sagt, alles Unglück der Menschen rühre daher, dass sie unfähig seien, in Ruhe allein in ihrem Zimmer zu verbleiben. Er meint damit wohl die innere Unruhe der Menschen, ihre Rastlosigkeit. Viele können nicht allein sein, halten sich selbst nicht aus, suchen ständig Ablenkung, müssen immer mittendrin sein, um ja nichts zu verpassen. Sie verbreiten ihre Rastlosigkeit über den ganzen Erdball und kehren doch nicht erfüllter zurück.

 

Ich muss zugeben, gereist bin ich auch gerne, aber ich war nie rastlos, bin nie „um jeden Preis" igendwohin gefahren. Auch haben meine Reisen mich jedes Mal bereichert. Noch lange Zeit danach habe ich von den Erlebnissen gezehrt – bis heute.

Aber ich kann auch gut mit mir allein sein, was nicht heißt, dass ich keine Gesellschaft mag. Ich bin eben auch gerne zu Hause, was mir derzeit entgegenkommt. Mein Garten ist mein Refugium. Und wenn ich nicht in meinem Garten herumbuddle, gehe ich auf „Wanderschaft". Im Wald kann ich durchatmen. Schon ehe das „Waldbaden" hier Mode wurde, war mir bewußt, dass der Wald auf Geist und Seele eine heilende Wirkung hat. Die langen Spaziergänge in der Natur halten mir den Kopf frei und bewahren mir eine gewisse Gelassenheit, die manchmal verloren zu gehen droht.

 

Auf einem dieser ausgedehnten Spaziergänge durch Wald und Flur kam mir neulich ganz unerwartet  eine alte Bekannte entgegen. Irgendwie hatten wir uns über die Jahre hinweg aus den Augen verloren – wie das manchmal so passiert. Wir haben uns unglaublich gefreut und hätten uns vor Wiedersehensfreude normalerweise umarmt. Stattdessen traten wir beide automatisch ein paar Schritte zurück, um bei der lediglich verbalen Begrüßung den Tröpfchen und Aerosolen keine Chance zu bieten. Wir hatten uns viel zu erzählen und setzten den Weg eine Weile gemeinsam fort, natürlich mit dem nötigen Abstand, um uns dann  – wieder nur verbal – voneinander zu verabschieden, nicht ohne das Versprechen, bald einmal wenigstens zu telefonieren.

 

Ich frage mich, was diese Pandemie mit uns macht. Wenn/falls wir diese unsägliche Zeit irgendwann überwunden haben werden, was wird dann aus uns geworden sein?  Werden wir unsere Mitmenschlichkeit, unser Vertrauen, unsere Fähigkeit des herzlichen Miteinanders, unsere Hilfsbereitschaft verloren haben, stattdessen die Menschen meiden und zu Einzelgängern geworden sein –   immer auf Abstand bedacht?  Dann hätte sich eine neue Art Gesellschaft etabliert, nämlich die Anderthalb-Meter-Gesellschaft. Eine erschreckende Vorstellung!

 

 

 

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