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Susann Barczikowski: Corona macht Schule


Ich bin gestern bei der Überschrift „Corona macht Schule“ etwas stutzig geworden. Die Frankfurter Rundschau hatte gestern diesen Titel auf ihrer ersten Seite als Aufmacherthema gewählt. Dazu gab es ein verfremdetes Foto von einem Mädchen. Mit Schultüte und Maske.

In Hessen und weiteren acht Bundesländern sind die Sommerferien zu Ende, und Kinder und Jugendliche dürfen/müssen wieder die Schulbank drücken. Nach mehr als einem halben Jahr verordneter Unterrichtspause – zumindest was den regulären Präsenzunterricht anbelangt.

Ob die Freude tatsächlich groß ist, endlich wieder zum normalen Unterricht zurückzukehren? Oder ob doch eher ein mulmiges Gefühl, oder sogar Angst mitschwingt? Die Schulschließungen in einigen Bundesländern in den vergangenen Tagen zeigen jedenfalls, dass Corona auch den Schulalltag bestimmt. Die Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken, ist in geschlossenen Räumen und in größeren Gruppen hoch, wie Erfahrungen belegen.

Zurück zur Überschrift. „Corona macht Schule“. Etwas macht Schule. In unserem Sprachgebrauch ist das eine Redensart. Wenn etwas Schule macht, dann ist in der Regel damit gemeint, dass etwas gut und beispielhaft ist. Das kann eine Idee sein oder ein bestimmtes Projekt, das zum Nachahmen anregt.

Wenn jetzt Corona Schule macht, heißt es dann, alle sollten sofort wieder zurück zum normalen Unterricht? Egal was die Folgen sind? Kann das beispielhaft sein?

In Hessen begann gestern der Unterricht für 760 000 Schülerinnen und Schüler, unterrichtet von rund 60 000 Lehrkräften. Dazu kommen noch weitere 55 600 Erstklässer, die einen Schulalltag überhaupt erst kennenlernen müssen. Kultusminister Alexander Lorz rät Eltern und Kindern trotz allem zu Gelassenheit. Schule müsse wieder stattfinden.  

Für die Frankfurter Rundschau ist der Beginn des neuen Schuljahrs ein „Schulstart mit Sorgenfalten“. Der Zweifel an der Umsetzbarkeit der Maskenpflicht – ganz abgesehen von  pädagogischen Nachteilen – und die Kritik am Ausbau der digitalen Infrastruktur schwingen nur zu deutlich mit. Aber auch die Angst vor Infektionen.

„Corona macht Schule“ wird hoffentlich nicht zu einer Redewendung mit negativem Beigeschmack. Wenn, dann in Form von Veränderung von Schule:
Kleinere Lerngruppen, digitaler Unterricht, mehr Praxisorientierung, neue Fächer, individuelle Förderung und Unterstützung im Elternhaus.


Quelle: Handelsblatt vom 15.08.2020 „Das muss die Schule der Zukunft leisten“.

Foto: Susann Barczikowski

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