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Martin Heß: Keine Gesichter, kein Pokal

„Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben.“  (Philip K. Dick)
„Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben.“ (Philip K. Dick)
   Neulich dachte ich, es sei noch Senf im Kühlschrank. Ich war absolut davon überzeugt, kam gar nicht auf den Gedanken, es zu bezweifeln. Allein: Dem war nicht so! Glauben Sie mir, ich hatte positiv gedacht, mit einem Glauben, der im Zweifel nicht nur Berge, sondern geradezu ganze Gebirge versetzt hätte, doch eben leider nicht den Senf. Die Welt strömt halt so vor sich hin, erschafft sich ständig neu im Fluss der Zeit, und schert sich dabei offensichtlich einen feuchten Kehricht um all die Bedeutungen, die ich auf so vielen verschiedenen Ebenen ihrem leeren, nackten, eigentlichen So-sein gebe. Sie ist wie sie ist, gleichgültig, wie ich über sie denke. 
   Hat mein Gehirn aber einmal gelernt, bestimmten Erfahrungen eine bestimmte Bedeutung zu geben, kommt es davon nie mehr los. Wenn Sie zum Beispiel einmal Lesen gelernt haben, können Sie diese dunkle Pixel auf dem Bildschirm nie mehr „einfach so“, als dunkle Pixel ansehen. Sie müssen lesen. Und so stecken wir drin, in der Bedeutungswelt, die - wenn wir nicht achtgeben - umso dichter wird, je älter wir werden und kommen nicht heraus und erleben eine andauernde Interpretation der Realität durch unser Gehirn so, als sei es die Welt selbst. 
   Es ist, als hätten wir im Laufe des Erwachsenwerdens eine Sammlung von Landkarten der Bedeutung über unsere Wahrnehmungen gelegt und erlebten sie nun als eine Art andauernde „Augmentet Reality“, als eine mit Bedeutung angereicherte Wirklichkeit, die die Wahrnehmung regiert. Anders gesagt: Wir verwechseln die Landkarte mit den Land.
   Eine Maske ist ein Stück Stoff mit zwei Bändern und einem Nasenbügel. Fertig. Aber warum, frage ich Sie, ärgern Sie sich als ordentliche/r Maskenträger/in wenn Ihnen - sagen wir mal - an einem Verkaufsstand zwei Bedienungen gegenüberstehen, von denen eine keine Maske trägt und eine die Maske unter der Nase platziert hat, mehr über die, die die Maske unter der Nase trägt, als über die andere, die gar keine aufhat? Tja, sehen Sie, es geht gar nicht um die Viren. Die haben nämlich im einen wie im anderen Fall freie Bahn. Es geht um die soziale Bedeutung, die sie dem ganzen geben. 
   Wer keine Maske trägt, spielt nämlich gleichsam „mit offenen Karten“, bekennt sich zu seinem Regelverstoß. Wer aber die Nase frei lässt, betrügt, möchte sich den Anschein geben, sich an die Regeln zu halten, sie aber gleichzeitig unterlaufen. Das mögen wir nicht. 
   Der Mensch hat einen eingebauten Gerechtigkeitssinn, einen moralischen Kompass, der an den Bedürfnissen des Homo Sapiens als Gruppenwesen orientiert ist. Wer die Gemeinschaft betrügt, wird emotional bestraft. Unter den acht Basisemotionen gibt es nur eine, die den Charakter einer rein sozialen Emotion hat: Die Verachtung. Sie kann sich als einzige nur auf Menschen richten, nicht auf andere Objekte. Wer gegen das Gemeinwohl handelt und das auch noch zu vertuschen versucht, wird mit Verachtung gestraft. 
   Also achten Sie doch mal drauf: Auch die verträglichsten Zeitgenossen sind schließlich zu diesen Emotionen fähig, also auch Sie! Wenn ihnen also die nächsten Nasenfreilasserinnen und Nasenfreilasser begegnen und Sie sich darüber ärgern, lenken Sie doch Ihre Aufmerksamkeit einmal etwas genauer auf ihre Empfindung und „verkosten“ Sie sie. Vielleicht können Sie ja neben einer (hoffentlich!) temperierten Wut die Basisnote der Verachtung in Ihrem Gemüt erspüren, die Sie eben nicht spontan hat vermuten lassen, es stände ihnen gerade ein armer Mensch gegenüber, der unter Atemnot leidet, wenn er die Maske nicht hin und wieder lüftet, sondern schlicht ein Depp. 
   (Den Senf habe ich dann übrigens doch noch gefunden: Er war im Gemüsefach ganz hinten ...)

 

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