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Jule Heck: Die Trauerfeier

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Meine Patentante war gestorben. Nach einem erfüllten Leben, hatte sie mit 92 Jahren die Augen für immer geschlossen. Ihre Tochter fragte mich, ob ich zur Beisetzung kommen wolle, was ich selbstverständlich bejahte. Obwohl ich nicht gern Trauerfeiern beiwohne, war es mir in diesem Fall ein Bedürfnis, mich von meiner Patin zu verabschieden.

 

Ich mag Trauerfeiern nicht, weil die Pfarrer meistens mehr Sprüche aus der Bibel zitieren, aber nur wenige Sätze aus dem Leben des Verstorbenen beitragen, genauso wie beim anschließenden Leichenschmaus, zu dem hier auf dem Land trockener Kuchen und Kaffee gereicht wird, der Tote längst vergessen ist und man munteres Geplauder und Gelächter vernehmen kann. Für die trauernden Hinterbliebenen ist das nicht unbedingt tröstlich.

Daher begrüße ich es, dass die Angehörigen und Trauergäste immer öfter auf diese Zeremonie verzichten und nach der Beisetzung still auseinandergehen. In Zeiten von Corona dürfen ja nur noch eine bestimmte Anzahl an Trauergästen in die dafür vorgesehene Trauerhalle kommen oder ans Grab treten.

 

Das führt zumindest dazu, dass nur die nächsten Familienmitglieder und nahestehende Personen angesprochen werden. Die Beerdigungstouristen bleiben aus.  Die Trauerhalle darf nur von angemeldeten Personen betreten werden. Hier sitzt man mit Abstand. Der Mund-Nasen-Schutz ist Pflicht. Das sonst übliche Geflüster mit dem Nachbarn, bis zum Beginn der Trauerrede, fällt weg. Man kann sich ganz, mit Blick auf den Sarg oder die Urne, den Gedanken an den Verstorbenen widmen.

 

Es war meine erste Trauerfeier in Zeiten von Corona und ich war gespannt, was mich erwarten würde. Obwohl ich sonst schon immer eine halbe Stunde vor Beginn der Zeremonie die Trauerhalle betrete, um noch einen Platz zu ergattern, konnte ich mir dieses Mal Zeit lassen. Ich war ja angemeldet und würde mit Sicherheit einen Platz zugewiesen bekommen.

 

Die Trauerhalle war schon gut gefüllt. Alle saßen mit Mundschutz und Abstand, was irgendwie komisch aussah. Ich nahm in der letzten Reihe Platz, was mir sehr entgegenkam, denn ich habe die Angewohnheit immer in Tränen auszubrechen. Selbst wenn es sich bei der Person, die beigesetzt wird, nur um einen entfernten Verwandten, den Elternteil von Nachbarn oder einem ehemaligen Kollegen handelt, fließen bei mir schon bei den ersten Klängen der Orgel die Tränen. Meine Brille hatte ich im Auto gelassen und mich mit reichlich Tempotaschentüchern versorgt. Nur, wie sollte ich mir mit der lästigen Maske vor dem Gesicht überhaupt die Tränen trocknen und die Nase putzen.

 

Es war der junge Pfarrer, der mich aus meiner Not erlöste. Er war noch relativ neu in unserer Gemeinde. Ich hatte ihn bisher weder in der Kirche noch bei einer Trauerfeier erlebt. Schon nach den ersten Worten merkte ich, dass seine Predigt ganz anders war, als die seiner Vorgänger. Auch die Art, wie er sprach und die Wörter betonte, war ungewohnt und ich musste mich auf das Gesagte konzentrieren. Da die Trauergemeinde auch nicht singen durfte, sondern nur der Orgel lauschen konnte, musste ich nur ein paar kleine Tränchen verdrücken.  Ich nahm kurzfristig meine Maske ab, trocknete meine Wangen und putzte meine Nase.

 

Nach dem Segen und dem letzten Amen verließen wir die Trauerhalle und gingen zum Urnengrab. Auf dem Weg dorthin hatten bereits alle ihre Maske abgenommen und die wenigen Angehörigen gingen dicht beieinander, so wie man das üblicherweise tut, an die Grabstelle. Auch ich trat ans Grab, nahm die Schaufel und warf etwas Erde und eine weiße Rose auf die Urne. Ich dachte an meine Patentante, die ein hohes Alter erreicht hatte. Aber was waren schon 92 Jahre, gemessen an der Ewigkeit.

 

Dann ging ich auf die Angehörigen zu, die Cousinen und Cousins dritten Grades sind. Einen Teil von ihnen sehe ich öfter, einen anderen Teil leider immer nur zu solch traurigen Anlässen, obwohl man sich beim Abschied immer versichert, dass man sich unbedingte einmal wieder treffen müsse.

 

An dieser Stelle vergaß ich den Abstand und die Maskenpflicht. Aus dem Bedürfnis heraus, mein aufrichtiges Beileid auszusprechen, umarmte ich die Kinder meiner Patentante, was innig erwidert wurde.  Die Trauerfeier ist nun einige Wochen her. Ich bin gesund, habe kein Corona und auch alle anderen trauernden Hinterbliebenen nicht.

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