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Martin Heß: Ende gut - alles gut!


Natürlich hatte ich mir auch extra eine frische Uniform angezogen. An solch einem Tag! Das ist doch klar! Und ich mag auch diesen chemischen Geruch, den der Stoff in den ersten Minuten nach dem Auspacken aus der Folie noch verströmt. Es riecht doch immer irgendwie so ein bisschen nach Feiertag, oder? Und dazu jetzt eine frisch gebügelte Bluse und unsere übliche, dunkelblaue Krawatte. Wir tragen die ja hier genauso, wie die Männer, nur halt einen Rock dazu, was aber nichts macht, denn mir steht die Krawatte ja perfekt und überhaupt das Blau der Jacke ...  richtig gut! Zum Glück! Sonst hätte ich den Job gar nicht machen können. Kayne mochte die Uniform sogar so sehr an mir, dass ich ihm zuliebe sogar ab und zu einmal das eine oder andere Teil der Dienstkleidung daheim getragen habe, aber ohne dass das jemand mitbekommt natürlich. Die Schirmmütze zum Beispiel, oder die Handschellen ... 

 
Aber heute machen wir keine Faxen. Heute ist ein großer Tag! Vielleicht der größte Tag in meiner bisherigen Karriere, wenn man von so etwas bei uns überhaupt sprechen kann. Aber mit Sicherheit der größte Tag in meinem Leben überhaupt! Heute werde ich bedeutend für die Welt, ohne dass mich jemand kennt! Mein Name wird ein streng gehütetes Geheimnis bleiben müssen. Niemand wird ihn erfahren. Ich könnte mich sonst vor Fans und Verfolgern ja auch gar nicht mehr retten. Das ist mal klar. Dabei kann ich gar nichts dafür!
 
Ich tue nur meine Pflicht. Als der Direktor mich letzten Mittwoch in sein Büro rief und mir eröffnete, dass die Wahl auf mich gefallen sei, wurde mir natürlich erst einmal etwas weich in den Knien. Ich sollte also den Schlusspunkt setzen hinter den sensationellsten Prozess in der Geschichte der Justiz, hinter den größten Skandal aller Skandale aller Länder und aller Zeiten? Wieso denn ich?
 
Er hatte sich eine Frau gewünscht. Na gut. Dass die Wahl jetzt auf eine schwarze Frau gefallen war, das hatte er sich nicht gewünscht. Das bekam er von uns jetzt sozusagen als Dreingabe. Wenn er den Romantiker simulieren wollte auf seinen letzten Metern, ok, sein Ding. Nur spielten wir da eben nicht mit. Dass man dem zum Tode verurteilten einen letzten Wunsch erfüllt, ist Tradition, nicht Gesetz. Er hatte sich ein letztes Interview gewünscht, was man ihm natürlich nicht erfüllte, und eine letzte Rally, was man ihm erst recht nicht erfüllte. Und so wünschte er sich nun, durch eine Frauenhand zu sterben. Bitteschön. Das lässt sich machen. Dann eben durch meine. Eine schwarze. Dem Tod ist das egal. Er holt sich was ihm zusteht. 
 
Hochverrat, millionenfacher Mord, Hochstapelei, Betrug, Volksverhetzung ... das Urteil, das nach zehn Jahren Verhandlung im Sommer 2031 schließlich verkündet wurde, schien so ungefähr alles zu umfassen, dessen man sich in diesem Amt überhaupt schuldig machen kann, vor allem, wenn man sich in den Dienst einer fremden Macht gestellt hat. Niedere Beweggründe, Gier, Rassenhass, Rache ... auch die Liste seiner diagnostizierten Motive war umfassend und vernichtend, die schwierige Kindheit und die daher rührenden geistigen und emotionalen Schäden, keine ausreichende Entschuldigung.
 
Er war ein voll verantwortlicher, feindlicher und vermutlich erfolgreichster Agent der Geschichte und er war zum Tode verurteilt worden. Und er hatte tatsächlich um ein Gespräch mit mir gebeten, um einen weiteren letzten Wunsch zu äußern. Das war nicht überraschend, wir hatten damit gerechnet. Für solche Situationen sieht die Dienstordnung für Scharfrichterinnen und Scharfrichter einen kontrollierten eMail-Kontakt vor, mehr nicht. Doch er interessierte mich - wie auch nicht! - und so ging ich hin.
 
Das erste was ich sah, als ich durch die Gitterstäbe in seine halbdunkle Zelle blickte, war eine große dunkle Masse, die zusammengesunken auf der Pritsche saß. Den Kopf zwischen die Hände gestützt, die Ellenbogen auf den Knien. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Der Sicherheitsbeamte hatte auf dem Schemel Platz genommen. Ich räusperte mich. Ein Seufzer, er stand auf, riesig, orange, strahlte mich an.
 
„Sie sehen fabelhaft aus! Das ist großartig! Sie würden sich phantastisch machen in meinem Team ...“ und ein unkontrollierbarer und offensichtlich auch unkontrollierter Redefluss brach sich Bahn und mäanderte minutenlang von Thema zu Thema, von Erfolg zu Erfolg und mündete schließlich in der Erzählung vom größten Skandal aller Zeiten, dem größten Agentencoup der Geschichte, der gewaltigsten Leistung der Geheimdienste, die je erbracht worden seien, den gigantischsten Einschaltquoten bei seinen Prozessen und der höchsten jemals verhängten Strafe. Ich hörte atemlos zu.
 
Er war einfach unglaublich. Wenn es die Begriffe „Sprücheklopfer“ und „Dummschwätzer“ noch nicht gäbe, sie müssten eigens für ihn erfunden werden. Diese kindlichen, immer wieder auch falschen Sätze, die vielen Wiederholungen, die lächerlichen Übertreibungen, all dieses ölige, zukleisternde, irreführende, pointengierige Dröhnen, das wir alle so satt haben, es hypnotisierte mich förmlich. Er konnte einen wahrhaftig schwindelig reden. Eine unheimliche und starke sympathische Kraft ging von ihm aus, obwohl er äußerlich ein Bild des Jammers bot. Ich spürte den Impuls, die Uniform auszuziehen und ihm zu folgen, wohin auch immer, tat es aber nicht, sondern fragte ihn, was er wolle. 
 
Er wollte wissen, mit welcher Spannung - das Wort war ihm nicht sofort geläufig - denn eine Hinrichtung üblicherweise ausgeführt werde und ich antwortete wahrheitsgemäß, dass dies mit zweitausend Volt geschehe. Und ob es vielleicht möglich sei, dass ich ihn mit einer etwas höheren "Anspannung" ins Jenseits befördern könne, so dass sein Tod eben nicht nur durch die wichtigste - sondern auch durch die stärkste Hinrichtung aller Zeiten bewirkt werde.
 
Den Wunsch musste ich ihm abschlagen. Ich bedauerte das, konnte ihm aber versichern, dass es auch für alle folgenden Generationen völlig außer Zweifel stehen werde, dass diese Hinrichtung, die seine, wenn nicht als die stärkste, so doch als die schönste Hinrichtung aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen werde. Daran würde ich auch weiterhin mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften arbeiten und meine ganze Professionalität einsetzen. Dessen könne er gewiss sein. Und so machten wir noch schnell ein Selfie für seinen Twitter-Account und ein zweites für meinen Blog. Dann gingen wir an die Arbeit.
 

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