· 

Martin Heß: Mit Ansage

Foto: Martin Heß (2016) Nordsee
Foto: Martin Heß (2016) Nordsee

 

Die „zweite Welle“ kommt jetzt also. Es wird wohl nicht zu verhindern sein. Man sollte eigentlich meinen, die Welt hätte inzwischen genügend gelernt über dieses Virus, um schon vorab erkennen zu können, was nun passieren wird. Dass solche Pandemien in Wellen kommen, hat man ja auch früher schon erlebt, ist aber keine Eigenschaft des Virus sondern Psychologie. Deshalb muss es bei Pandemien auch eigentlich gar keine wellenförmigen Verläufe geben, sondern es kann sein, dass es - wie derzeit in den Vereinigten Staaten zu beobachten - zu einem andauernden Anwachsen oder einer Stagnation auf hohem Niveau kommt, die erste Welle also quasi direkt in die zweite übergeht.
Eine erste Welle kann es nur geben, wenn auf die typische Startphase mit explosionsartigem Wachstum eine Eindämmung erfolgt und damit die Ausbildung eines  Wellentales. Wenn es danach wieder aufwärts geht mit den Infektionszahlen, kann man von einer zweiten Welle sprechen. Aber warum geht es eigentlich wieder aufwärts? Jedenfalls nicht, weil das Virus sich verändert hätte (... die typischen Mutationen, denen diese biologischen Grenzgänger andauernd unterliegen, haben damit jedenfalls nichts zu tun ...), sondern die Menschen. Sie haben sprichwörtlich „die Faxen dicke“, betrachten die Maßnahmen zunehmen als sinnlos und geben die Disziplin auf.
Von der Disziplin als Tugend wird ja seit den Zeiten des alten Roms behauptet, sie sei die Grundvoraussetzung für jeglichen Lebenserfolg. Ob das stimmt, mag die geneigte Leserin und der geneigte Leser ja gerne kurz mit der eigenen Biografie abgleichen. Für Regierungen in Bezug auf die Pandemie ist es aber am Verlauf der vergangenen Monate klar zu erkennen. Je besser es gelungen war, die Bürger zum disziplinierten Einhalten von Quarantäne und Hygieneregeln zu bewegen, desto weniger Tote hatte das Land zu verzeichnen.
Die Sekundärtugend „Pflichtgefühl“, eine Voraussetzung für diszipliniertes, also den eigenen Willen unterwerfendes Handeln, mit der man - wie Oskar Lafontaine einst Helmut Schmidt an den Kopf warf - „auch ein KZ betreiben“ könne, erfordert nicht nur ein Minimum an intellektueller Kapazität, wie es der Twitter-Trend „#covidioten“ nahelegt, sondern eben auch die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und damit ein gewisses Bekenntnis zum Gemeinwesen, zur Gesellschaft und zum Staat. Das genau ist bei den Urhebern massenweiser Fehl- und Falschinformation, den Pandemie-Leugnern, den Rechtsextremen und dem staatlichen, russischen Propagandasender (RT Deutsch) nun gerade nicht zu erwarten. Hier ist die gezielte Verunsicherung, das unterhöhlen aller Glaubwürdigkeit schon lange Programm und Teil einer längerfristigen Strategie, für die diese Pandemie nur ein weiteres Spielfeld darstellt. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0