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Sigrun Miller: Besuch im Pflegeheim

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Vor ein paar Tagen entschloss ich mich, eine liebe alte Freundin im Altenpflegeheim wieder einmal zu besuchen. Ein Anruf an der Pforte des Heims, und der freundliche, junge Mann schaute in sein schlaues Buch mit der langen Liste der zu betreuenden Gäste, sowie deren mögliche freie Zeit für Besuche von Verwandten oder Freunden. Natürlich könnte man jetzt auf die Idee kommen, dass täglich lange Schlangen eventueller Besucher vor dem Haupteingang des Pflegeheims ausharren und auf Einlass warten.

 

Der junge Mann, mit dem ich telefonierte, klärte mich auf über neue Bestimmungen für Besucher: „Als Sie zuletzt hier waren, galt ja leider nur eine kurze Besuchszeit von fünfzehn Minuten. Das hat sich nun geändert. Sie können eine volle Stunde bleiben und auch mit unseren Gästen unseren Park für einen Spaziergang genießen. Die Bänke dort können sie für eine kleine Ruhepause gerne nutzen. Sollte es regnen, gibt es im Foyer mehrere bequeme Sofas zum Platznehmen.“ Ich bedankte mich für die freundlichen Hinweise, besorgte die Lieblingszeitschrift meiner Freundin sowie einen Blumenstrauß.

 

An dem betreffenden Besuchstag setzte ich mich in mein Auto und machte mich auf den Weg. Während der Fahrt ging mir die lange hilfreiche Vergangenheit mit meiner Freundin durch den Kopf. Ich war jahrelang sehr krank, sie war immer für mich da, wenn ich Hilfe brauchte. Wenn die Kinder aus der Schule kamen, stand das Essen auf dem Tisch, das Haus war sauber, die Wäsche gewaschen und gebügelt. Wenn heute meine Kinder anrufen, ist eine ihrer ersten Fragen: „Wie geht es Clärchen?“ Ihr lebenslanges Wohnrecht in ihrer schönen Wohnung in ihrem Haus ist notariell geregelt, aber durch einen Trick der Schwiegertochter ungültig.

 

Ich bin angekommen, bitte um Einlaß und erkläre mein Anliegen. Nach zwanzig Minuten kommt meine Freundin aus dem Aufzug, und wir gehen nach Begrüßung mit Abstand und Verkleidung mit Maske zur Tür in Richtung Park. Die Anlage ist sehr gepflegt und wir lassen uns auf einer Bank im Schatten nieder. Einige andere Gäste haben wie wir ihre Masken entfernt, wir sind ja an der frischen Luft. Sofort schießt eine Aufsichtsperson auf uns zu und maßregelt uns, auf der Stelle wieder die Masken aufzusetzen, da ich als Gast ja von draußen, also von der bösen Außenwelt komme und eine Virenschleuder bin.

 

Wir gehen ins Foyer, setzen uns auf ein Sofa und werden nach kurzer Zeit aufgefordert, in das Besuchszimmer zu gehen, wo zwischen mir und meiner Freundin eine große Plexiglaswand aufgestellt wird, die alle Viren, die möglicherweise durch die Masken entfliehen könnten, aufhalten sollen. Nach vierzig Minuten sehr lauter Unterhaltung durch die Plastikwand und meinem Versprechen, so bald wie möglich wiederzukommen, mache ich mich auf den Heimweg. Verabschiedung mit Abstand, eine Träne im Auge, die ich schnell wegwische, und ein mitleidiger Blick zu dem netten, jungen Mann an der Pforte.                                                                                                                                                   

 

 

 

 

     

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