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Martin Heß: Wasser!

Martin Heß (2020) Cowbell
Martin Heß (2020) Cowbell

Nach langen Wochen in der Corona-Wüste, habe ich gestern wieder eine Oase besucht und in vollen Zügen aus der Quelle getrunken. Herrlich!  Was der Mensch nämlich so nötig braucht, wie Luft und Nahrung, ist eine emotionale Verbindung mit Anderen. Friedrich II der Staufer hat es in einem grausamen Experiment im 13. Jahrhundert ausprobieren lassen: Gibt man Säuglingen alles, was sie körperlich brauchen, aber keinen emotionalen Kontakt und Austausch, so verkümmern sie doch und sterben. Also verkümmert und daran verstorben wäre ich jetzt vermutlich nicht, aber gefehlt hat mir das Musikmachen mit anderen schon sehr. Bis gestern.

 

Obwohl ich ja ein eher introvertierter Typ bin - der bloß notwendiger Weise häufig extravertiert unterwegs ist - bin ich doch ein Exemplar der Gattung Homo Sapiens und damit ein Herdentier, ein Gruppenwesen und erfülle mein biologisch programmiertes, soziales Programm nur dann zur Gänze, wenn ich auch als Teil eines synchronisierten Teams agieren kann. Der Unterschied zwischen einer einfachen Gruppe und einem solchen Team ist der, dass ein rhythmisches Team wie ein Organismus funktioniert, wie ein Schwarm. Die Mitglieder sind zusammengeschaltet. 

 

Wenn man einen Schwarm Fische sieht, wie sich hunderte oder gar tausende schlagartig gleichzeitig in eine neue Richtung drehen, wer weiß zu welch koordinierten Leistungen Staaten aus Millionen von Insekten in der Lage sind, wer den Zugvögeln nachschaut, wie sie Formationen bilden, in denen jeder jede Position innehaben könnte, und wüsste, was dort zu tun wäre, der staunt ja in diesem Moment über eine Form der Intelligenz, die nicht Individuen, sondern Gruppen hervorbringen. Wie funktioniert das?

 

Keines der Einzelteile einer Uhr kann die Zeit messen, bloß alle zusammen. Die Eigenschaft der Teile, Zeit messen zu können, tritt erst hervor, wenn sie auf die richtige Art mit einander verbunden sind. Das ist der springende Punkt!

 

Die Basis des menschlichen Bewusstseins, die Wurzel all unseres Erlebens und unseres Selbstgefühls, sind die Emotionen, aus denen das Gehirn Bewusstsein entstehen lässt, wenn sie auf die richtige Art mit einander verbunden sind. Auf der Aktivität dieser Bereiche des Gehirns beruht dabei unsere jeweilige Befindlichkeit. Dabei gibt es ein knappes Dutzend möglicher emotionaler Grunderregungen, wie Angst, Wut und Freude, aus denen ständig neue und einzigartige Gefühlscocktails gemixt werden, die wir dann mehr oder weniger deutlich spüren, zumindest in ihren Auswirkungen. Denn es filtern und bewerten diese emotionalen Prozesse unser Erleben. "Wir sehen die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sind." (Talmud)

 

In der Williams Sessionband bin ich jedenfalls - was die musikalischen Entfaltungsmöglichkeiten angeht - sozusagen auf der untersten Hierarchiestufe. Was die Profis da immer zaubern, begeistert mich stets auf’s neue und liegt weit außerhalb meiner eigenen musikalischen Reichweite. Als zweiter Perkussionist sollte man sich da glaube ich auch keinen großen künstlerischen Illusionen hingeben. Bei vielen Stücken schlage ich die Cowbell auf die eins und die drei. That’s it. Aber was soll ich sagen - ich liebe es! Es gibt in diesen Momenten keine größere Quelle des Glücks, als ein präziser Schlag auf diese Glocke, genau an der Stelle, an der er sein muss, genau mit dem Klang, der am besten passt. Jeder Ton bewirkt dann eine kleine Dopamin-Explosion im „nucleus accumbens“, dem Freudezentrum in meinem Gehirn. Es gibt in diesem Moment keinen Ort auf der Welt, an dem ich lieber wäre. 

 

Natürlich könnte das fast jeder, es ist keine große Kunst und ich bin (dem Universum und allem) sehr dankbar dafür, dass ich das ab und zu mal mit so professionellen Musikern zusammen machen darf, wie der Jazzband am Flugplatz, obwohl - man muss sich natürlich konzentrieren können. Man darf am Tempo nicht „ziehen“ und natürlich auch nicht „schleppen“. Jeder Glockenschlag muss exakt an seine Stelle. Inzwischen habe ich gelernt, auch Tonhöhe und die Charakteristik des Klangs auf den verschiedenen Teilen des Glockenkörpers gezielter einzusetzen und zu variieren, kleine serielle Melodiestrukturen hie und da einzuflechten in den großen Kraftstrom. In jedem Bereich ihres Körpers macht die Glocke andere Obertöne und klingt mal spitz und mal nach Milka. Abwechslung bringen auch die swingenden Rhythmen und lateinamerikanischen Grooves oder Polyrhythmik. Manchmal setze ich auch eigene Stilmittel ein, angefangen beim einfachsten: einzelne Schläge einfach weg zu lassen. 

 

Der Klang sollte sich passend einfügen in den Gesamtsound der Band und das ist nicht einfach, denn so schlicht vielleicht die Ausdrucksmöglichkeiten auch sind: Die Cowbell hörst Du immer durch. Und deshalb muss man sich gehörig zusammenreißen, wenn man sie spielt. Präsenz und Kontrolle sind wichtig. Gleichzeitig würde man aber auch total verkrampfen und nichts richtiges zuwege bringen, wenn man versuchen wollte, jeden Schlag absichtlich „richtig“ auszuführen. So was macht man vielleicht beim Üben, wenn z.B. ein neuer Rhythmus Schlag für Schlag durchgegangen wird. Aber im Zusammenspiel muss man loslassen, damit die Synchronisation des eigenen, inneren Taktgebers mit dem des Teams passieren kann.

 

Die Situation hat dadurch etwas Zen-mäßiges. Man ist gleichzeitig tätig und lässt es passieren. Die Trennung von Mensch und Welt wird ein bisschen durchlässig. Das Ich tritt einen Schritt zurück und überlässt einen Teil des Geschehens den unwillkürlichen Impulsen. Und die allein sind in der Lage, eine Echtzeit-Verbindung zu Anderen aufzubauen, denn willentliche Entscheidungen dauern einen Ticken zu lange dafür. Reflexe aber können

direkt aneinander koppeln. 

 

Wenn die Synchronisation eintritt, spürt das jeder der beteiligten Musiker als eine Art Energieschub. Die Band spielt dann „tight“. Sie hat den „Groove“. Über das Internet z.B. ist das nicht zu erreichen. (All diese Band Home Videos, die auf YouTube jetzt zu sehen sind,  sind eine Aufnahmespur nach der anderen produziert worden; gemeinsam über das Netz zu musizieren in Echtzeit ist unmöglich.) Aber auch, wenn man live zusammen spielt ist das nicht automatisch gegeben und man kann es - wie eben ausgeführt - auch nicht unbedingt herbeizwingen. 

 

Aber schließlich heißt es auch nur, etwas zu aktivieren, für das wir biologisch eingerichtet sind. Die Entdeckung der sogenannten „Spiegelneuronen“ und der „synchronen Oszillation“ im Gehirn bei der Entstehung von Bewusstsein Anfang der Zweitausender Jahre, gaben erste Hinweise auf die physiologische Basis der seit langem bekannten, positiven Auswirkungen von bestimmten Rhythmen auf die körperliche und seelische Gesundheit des Einzelnen sowie die verbindenden und stärkenden Wirkungen auf soziale Strukturen. Alle Kulturen machen Musik, haben Methoden, Mittel und Rituale um ihre emotionalen Synchronisationen zuwege zubringen. Zusammen singen und tanzen, trommeln und musizieren sind überall zu finden und überall haben sie denselben, neuropsychologischen Teameffekt: Menschen verbinden sich emotional zu größeren kulturellen Gemeinschaften. 

 

Bei solchen Einschränkungen durch die Pandemie bleibt also weltweit viel mehr auf der Strecke als Spaß und Vergnügen allein. Das „auf einer Wellenlänge sein“ und miteinander „schwingen“ ist ein biologisch begründetes Bedürfnis, aus dem alle Kultur entsteht. Und die ist schließlich Wurzel allen zivilisierten Zusammenlebens und die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich kooperativ und solidarisch verhalten. Lässt man nur den Verstand entscheiden, ist Selbstbeschränkung für Andere (Maskentragen, Urlaubsverzicht, Partybremse, aber auch Energiewende, Klima-, Umwelt- und Artenschutz,  …) nämlich völlig sinnlos. Man selbst hat (scheinbar) gar nichts davon. Damit der Mensch seiner Natur gemäß handelt, und das heißt kooperativ und solidarisch, braucht es also ein Herz und nicht nur den Verstand, und es braucht das Erleben von Verbundenheit durch Synchronisation. Dann ist der Mensch ganz Mensch.

 

Martin Heß

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Eva Thiel (Montag, 27 Juli 2020 14:20)

    Es war nicht Friedrich der Große, der das Experiment durchführte, sondern Kaiser Friedrich II von Hohenstaufen (1194 - 1250).

  • #2

    Martin Heß (Montag, 27 Juli 2020 19:08)

    Danke für den Hinweis, liebe Eva Thiel! Das war etwas schlampig recherchiert. Ich habe es umgehend korrigiert ... LG MH

  • #3

    Eva Thiel (Dienstag, 28 Juli 2020 09:47)

    Bitte, gern geschehen!

    Gruß E.D. Thiel

  • #4

    Samirah Pöpel (Mittwoch, 29 Juli 2020 22:07)

    Lieber Martin,
    das hast du wunderbar geschrieben, dein Text hat mich sehr berührt!

  • #5

    Martin (Sonntag, 09 August 2020 11:16)

    Vielen Dank, liebe Samirah, am nächsten Samstag geht es weiter! �� (Wenn das Wetter hält ...)
    LG M.