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Jule Heck: Die Dame mit der Maske

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Während für viele Menschen die Corona-Krise sicherlich viele Nachteile mit sich gebracht hat, habe ich durchaus den einen oder anderen Vorteil darin gesehen. Mir ist es schon immer fürchterlich auf die Nerven gegangen, wenn mir andere Menschen zu dicht auf die Pelle gerückt sind. Besonders beim Einkaufen hat es mich massiv gestört, wenn andere Kunden zu dicht hinter mir an der Fleischtheke oder an der Kasse standen oder aber mich in ein Gespräch verwickelt, dabei immer nähergekommen sind und mich womöglich sogar angefasst haben. Meistens konnte ich mich geschickt dagegen wehren, bis auf eine ältere Dame.

 

Ich kannte sie nicht einmal besonders gut, hatte mich einmal mit ihr bei einer meiner Lesungen unterhalten. Sie war zweifellos sehr nett, auch interessant, aber leider auch sehr gesprächig. Von da an traf ich sie öfter in einem großen Lebensmittelmarkt. Nein, umgekehrt, sie traf mich öfter dort. Sie schien einen Sensor zu haben, der mich regelrecht aufspürte und sie auf mich zusteuern ließ.  Obwohl sie nicht sehr groß war, baute sie sich vor mir auf, so dass ich keine Möglichkeit sah, ihr auszuweichen. Minutenlang erzählte sie mir von ihren Erlebnissen und ihren Kindern, die ich alle gar nicht kannte. Diese Gespräche strengten mich sehr an und raubten mir auch die Zeit.

 

Irgendwann begann ich mich schon vor dem Einkaufen zu fürchten, sah mich immer ängstlich um, ob die nette Dame gleich um die nächste Ecke schießen würde, um mich wie in einem Spinnennetz gefangen zu halten. Ich gewöhnte mir an, morgens ganz früh oder später am Abend einkaufen zu gehen. Trotzdem traf ich sie immer wieder. Da kam mir die Corona-Krise zu Hilfe, das Tragen der Mundschutzmasken und das Abstand halten. Die meisten Menschen hielten sich auch daran und wenn mir doch mal einer zu nahe kam, genügte ein missbilligender Blick und die Person entfernte sich.  Die alte Dame sah ich lange Zeit nicht. Irgendwann bemerkte ich sie, erkannte sie schon aus der Entfernung trotz Maske. Ich suchte schnell das Weite, in der Hoffnung, dass sie mich nicht entdecken würde. Bisher ist mir das gut gelungen.

 

Ich hoffe, es bleibt so.

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