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Petra Ihm-Fahle: Lästern in der Corona-Zeit

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Nach vier Monaten waren mein Sohn und ich am Sonntag endlich wieder essen. Auf dem Weg durch die Innenstadt bis zum Bad Nauheimer Marktplatz, wo wir verabredet waren, war draußen in den Lokalen richtig was los. Das Wetter ist traumhaft und die Menschen holen Versäumtes nun nach. "Sitzen alle sehr eng", dachte ich. Gleichzeitig meine ich, wer will es den Wirten verdenken? Was haben sie in den letzten Monaten alles durchgemacht.  

 

Mein Sohn und ich saßen ebenfalls draußen, die Tische wurden nach jeder Benutzung mit Sagrotan eingesprüht und abgewischt. Sich in eine Liste eintragen war in diesem Lokal nicht nötig, da wir draußen saßen. "Drinnen machen wir es", sagte der Ober.

 

Der Mann begann eine Unterhaltung über Dinge, die seines Erachtens sinnvoll, bzw. nicht sinnvoll seien. Die Maske im Freien hielt er beispielsweise für sinnlos. Ich wundere mich immer wieder, dass sich alle so auskennen mit "sinnvoll" und "sinnlos". Insbesondere in der Dienstleistungsbranche fällt es mir auf; am Eissalon neulich sagte man mir durch das Ausgabefenster: "Sie müssen die Maske nicht aufsetzen, Sie sind ja im Freien und wir sind da nicht so." Na, dann ... kann es ja nur richtig sein, wenn SIE es sagen, denke ich mir.

Es gibt auch nur wenige Verkäufer und Verkäuferinnen, die die Maske nicht unterm Kinn tragen. Ich verstehe es einerseits, es ist heiß und unangenehm und das acht Stunden lang, aber kann man die Maske nicht eine Viertelstunde auf-, eine Viertelstunde absetzen? Nein, sie bleibt nonstop am Kinn. 

 

Zurück zum Restaurant und zwei Damen, die sich an den Tisch neben uns setzten. Sie waren ältere Semester, sehr dick und begannen ein Gespräch über die Liebe. "Ich würde mich so gerne mal wieder richtig verlieben, aber ich fürchte die Emotionen so sehr", sagte die eine. Die andere erzählte von einem Kaffee-Date, zu dem sie einen Arzt eingeladen hatte. Wegen Corona war es nicht mehr dazu gekommen. Boshaft dachte ich, während ich meinen Salat aß, dass die zwei erst mal abnehmen und Sport treiben sollten - dann klappt es vielleicht mit dem Arzt. Und das, obwohl ich selber 20 Kilo zuviel drauf habe.

 

Womit ich bei einem weiteren Thema bin. Als ich vorgestern im Discounter meines Vertrauens war, kam mir eine Kundin entgegen, die wie ich meistens abends dort ist. Wie üblich trug sie ihre Maske am Kinn. Ich mag diese Frau nicht, weil sie unfreundlich aussieht und einmal laut über "Merkels Gäste" geschimpft hat. Nun also sagte ich: "Na, wieder mal die Maske am Kinn? Haben wir nicht Maskenpflicht in Geschäften? Gilt für Sie nicht, oder!"

 

Ich war erstaunt, dass sie ruhig blieb. Als ich bereits im nächsten Gang war, kam sie allerdings hinterher und zeterte los: "Warum ich mich wegen Ihnen nicht aufrege? Weil ich sehe, wie Sie aussehen. Wie eine Notlösung. Ja, schauen Sie sich mal an - mit Ihrem Minirock." Ich zog mir den Schuh nicht großartig an, kontrollierte sicherheitshalber aber mein Outfit zuhause von allen Seiten im Spiegel. Oha, mein Kleid war von hinten wirklich zu eng. Ich muss Diät halten, beschloss ich.  

 

Und noch eine Corona-Inspiration, die mir der sonntägliche Restaurant-Besuch eintrug. Ich war vorher bei der Bank gewesen, um Geld abzuheben. Nur ein einziger Kunde war drin, stand aber am mittleren der drei Geldautomaten, womit ich warten musste, bis er fertig war, um den Mindestabstand einzuhalten. Mir ist es ein Rätsel, wieso viele Bankkunden so gedankenlos sind; es kommt oft vor.

 

Nun habe ich ganz schön gelästert, nicht wahr? Corona taugt ja für nichts - aber dafür schon.   

Foto: Petra Ihm-Fahle
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