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Antje Lilienthal: Mein Freund, der Baum

Foto: Christina Ponto
Foto: Christina Ponto

Es gibt Tage in Corona-Zeiten, da geht gar nichts mehr. Die bewährten Pfeiler, die mich durchs Leben getragen haben, geraten ins Wanken. Die Gesundheit ist ein fragiles Gut geworden. Die gesellschaftliche Stabilität bekommt weitere Risse. Die wieder gewonnenen kleinen Freuden - ein Trost auf Abruf.

 

 

Rückkehrer aus dem Mallorca-Urlaub könnten eine neue Corona-Infektionswelle mit sich bringen, oder die Corona-Partygänger in verschiedenen Großstädten verbreiten das Virus. In Frankfurt sind es vor der Alten Oper an den vergangenen Wochenenden bis zu 2000 überwiegend junge Leute, die ohne Abstand feiern und Müll und Gestank hinterlassen. Wahrscheinlich nicht ihre einzige Hinterlassenschaft.  An einem der ersten dieser Wochenenden hat die Polizei wegen der schieren Zahl der Partygänger auf ein Einschreiten verzichtet. Und in Jens Spahns Appell an die Vernunft der Urlauber Mitte Juli klingt auch eine gewisse Hilflosigkeit durch. Ein zweiter Lockdown würde auch bei uns wohl wesentlich ungemütlicher als der erste im Frühjahr.

 

 

Wie, das mag sich so keiner richtig ausmalen, auch einige meiner guten Freunde nicht.  Dabei habe ich schon manche Freude und manches Leid mit ihnen geteilt.  Die eine Freundin liest schon lieber keine Zeitung mehr gründlich, die andere warnt mich vor zu viel Drosten. Sie wollen auch mal wieder den Kopf frei haben, vermitteln sie, und ich komme mir dann vor wie ein Störenfried. Der Freundschaftspfeiler stützt manchmal nicht mehr und mich verlässt die Kraft dazu.

 

 

Wenn es so weit ist, kann ich mir nur selber helfen. Den Kopf frei haben, das will ich auch. Die innere Unruhe besänftigen, die mir kein anderer nehmen kann. Das Mittel meiner Wahl: Ein Bad im schönen Hochwald. Beim strammen Gehen werden bekanntlich Stresshormone abgebaut, die sich bei mir ordentlich aufgebaut haben dürften. Und es werden Glückshormone freigesetzt, an denen ich einen akuten Mangel verspüre. Schon nach einer halben Stunde merke ich die Wirkung, von der auch die Wissenschaft spricht. Das Herz schlägt ruhiger, der Blutdruck sinkt und vermutlich sind auch schon die Killerzellen am Werkeln, die Krankheitserreger und potenzielle Tumorzellen bekämpfen.

 

Ich lege eine meditative Geh-Pause ein. Das Vogelgezwitscher aus den Baumkronen dringt in mein Ohr. Ich schnuppere den süßen Lindenblütenduft und atme die würzigen Waldaromen ein. Mit ihnen die heilsamen Mikroben, die unaufhörlich von den Ästen herabrieseln und die unser Immunsystem stärken. Ich spüre, wie der Wind durch meine Haare weht. „Schön“, entfährt es mir.

 

Ich verstehe, warum an japanischen Universitäten Waldmedizin gelehrt wird und es dort Waldtherapiezentren gibt, in denen gestresste Großstädter sich vom Burn Out erholen. Im Hochwald krieche ich aus dem Loch heraus, in das ich mich hineinmanövriert habe. Zum Abschluss ein paar Dehnübungen unter dem Dach der Jahrhunderte alten Eiche an den Waldteichen. Danach setze ich mich auf eine Bank und blicke ganz ruhig über das Wasser. Auf dieser Bank habe ich vor zwei Wochen mit einer Freundin gesessen, mit der ich sehr vertraut sprechen konnte. Daraufhin hat sie mir ganz in der Nähe einen wunderbaren Stein gezeigt mit dem Titel „Die Kirche der Natur“. Den ersten dieser Art, den ich überhaupt gesehen habe. Mit der Erinnerung an das Gespräch ist auch die Kraft der Freundschaft wieder zu mir zurückgekommen. Ich stehe auf und gehe auf dem schmalen Pfad zu der „Kirche der Natur“, die heute meine ist. Die Worte über den Wald von Georg Graf zu Münster wirken tief. „Es liegt im Wald ein tiefer Zauber…“

 

 

Jetzt geht es wieder.

 

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