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Rita H. Greve: Seifenblasen-Hoffnung

Foto(TV): R.H. Greve
Foto(TV): R.H. Greve

Als ich die Nachricht hörte, konnte ich sie erst kaum glauben. Aber es stimmt. Bayern macht seinen Bürgern jetzt ein ungewöhnliches Angebot. Jeder soll sich künftig kostenlos auf das Corona-Virus testen lassen können – ganz unabhängig davon, ob er Symptome hat. Die Tests sollen „massiv“ ausgeweitet werden, wie Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Sonntag (28.06.2020) in München erklärte. Bayern ist damit das erste Bundesland, das künftig Tests für jedermann vorsieht. „Ein Eckpunkt unseres Bayerischen Testkonzepts ist, dass alle Personen, die auf eine Infektion auf Sars-CoV 2 getestet werden wollen, Gewissheit darüber erhalten sollen, ob sie sich infiziert haben,“ betonte Huml. Der Freistaat übernimmt die Kosten in all den Fällen, in denen nicht ohnehin die Krankenkassen in der Pflicht sind.

„Allen Bürgerinnen und Bürgern Bayerns wird deshalb zeitnah angeboten, sich bei einem niedergelassenen Vertragsarzt auch ohne Symptome testen zu lassen.“

 

Hocherfreut rief ich meinen Sohn an, um ihm diese – wie ich meinte – tolle Nachricht zu überbringen. Jetzt gebe es doch die Möglichkeit, sich mit der Familie bei seinem Hausarzt testen zu lassen, bevor wir (meine Tochter und ich) nach Bayern kommen. Dann hätten wir wenigstens Gewissheit, dass alles in Ordnung ist.

Aber mein Sohn zeigte sich alles andere als begeistert. Alle seien sie gesund, und er meide zur Zeit jeden unnötigen Arzttermin. Mit der ganzen Familie ins Wartezimmer einer Arztpraxis? Der blanke Horror. Schlimmstenfalls würde er oder ein anderes Mitglied der Familie sich dort anstecken. Außerdem seien diese Tests nichts wert, sie würden nur Sicherheit vortäuschen, die es nicht gebe und seien nur zwei Tage valid, würden also gar nichts bringen.

Ja, was soll ich sagen, meine Freude wandelte sich binnen Sekunden in tiefe Enttäuschung. Wieder eine Seifenblasen-Hoffnung geplatzt.

Aber als ich dann den Epidemiologen Ralf Reintjes von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg hörte, musste mich wohl oder übel geschlagen geben. Denn der sagte nichts anderes als mein Sohn. Auch er verwies auf die trügerische Sicherheit von Strategien, die auf Massentests abzielen.

 

„Ein negativer PCR-Test schließt weder eine bestehende Infektion aus, die sich möglicherweise gerade erst ausbreitet, noch eine kurz nach der Untersuchung stattgefundene Neuinfektion,“ sagt Reintjes. „Somit besteht die Gefahr, dass der Untersuchte sich fälschlich in Sicherheit wiegt. Um wirklich aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, müsse man den Test regelmäßig im Abstand von wenigen Tagen wiederholen.“

Das wiederum wäre logistisch sehr aufwendig und für die deutschen Labore derzeit nicht zu leisten. Zwar wird die aktuelle Kapazität von rund einer Million Tests pro Woche aktuell nicht einmal zur Hälfte ausgeschöpft – wollte man aber wirklich jedem die Möglichkeit zum Test geben, wäre diese Anzahl schnell überschritten.

 

Sehr schade – wegen der bayerischen Testmöglichkeit hatte ich plötzlich so viel Hoffnung, dass wir ein paar unbeschwerte Tage bei meinem Sohn verbringen und meinen Geburtstag feiern könnten, ohne die Angst als ständigen Begleiter ...

 

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