Antje Lilienthal: Ausflug nach Frankfurt

Immer wieder ein tiefes Durchatmen, wenn ich aus der Bahnhofshalle auf den kleinen Bahnhofsvorplatz in Bad Nauheim trete. Jetzt in Corona-Zeiten noch tiefer, als vorher schon. Regelmäßig fahre ich mit dem Zug nach Frankfurt, um ins Kino, Theater oder in die Museen zu gehen und mich mit Freundinnen zu treffen. 30 Jahre habe ich in der Bankenmetropole gewohnt und gearbeitet. Doch in den 5 Jahren, in denen ich in unserem Kurstädtchen lebe, kommt sie mir zunehmend unwirtlich und anstrengend vor.

 

So auch heute. Ich bin seit langer Zeit wieder einmal mittags mit  2 Freundinnen im Cafe Metropol  verabredet. In der Regionalbahn ist es einigermaßen ok. Mal abgesehen davon, dass die Frau mir gegenüber ihre Nase nicht bedeckt hat und sie ihre Maske ganz nach unten zieht, als ihr Handy klingelt. Als ich ihr Zeichen gebe, wendet sie sich immerhin ab. Wenige Sitze weiter sitzt ein Mann ganz ohne. Aber er sieht nicht so aus, als ob ich ihn ansprechen möchte. Am Frankfurter Hauptbahnhof herrscht relatives Gedrängel, so dass ich lieber zu Fuß weiter durch die Stadt marschiere. Die Bürgersteige auf der Kaiserstraße sind voll, aber hier weht wenigstens ein Lüftchen. Auf der Zeil geht es zu wie eh und je, auch wenn die Einzelhändler über kräftige Umsatzeinbußen klagen.

 

 „Die Zunahme des Online-Handels wird sich nicht zurückdrehen lassen“, kommentiert dazu der Stadtforscher Thomas Krüger. „Es wird zu massiven Leerständen kommen.“ Das Karstadt-Kaufhaus auf der Frankfurter Einkaufsmeile wird es im Zuge des Kahlschlags bei Galeria Karstadt Kaufhof wahrscheinlich schon bald nicht mehr geben und die 235 Arbeitsplätze dort auch nicht mehr. Ob sich das Esprit halten wird? Der Modehändler will jede 2. Filiale in Deutschland schließen. Wenn der Stadtforscher Recht hat, wird die Zeil mit der Zeit veröden, denn an architektonischer Schönheit mangelt es dem vom Stil der 70er Jahre geprägten Straßenzug. Der Übergang zum Homeoffice in den Büroberufen, laut Krüger mittlerweile 70 Prozent der Arbeitsplätze in den Großstädten, wird mit der Stadt wahrscheinlich ein Übriges tun.

 

Ich setze meinen Weg über den weiträumigen Römerberg fort und drehe eine kleine Schleife durch die schöne neue Altstadt. Hier gibt es hochpreisige Qualitätsgeschäfte in wunderbar sanierten Altbauten. Wird der Touristenstrom, besonders der aus Asien, nach Corona hierhin wieder zurückkehren? Oder wird die Zone mit Schirn, dem MMK und dem Historischem Museum in Steinwurfnähe ein Lieblingsort der Frankfurter Bürger mit Sinn für Kultur und Architektur?

 

Im Metropol ist es nett wie immer, nur hygienebedingt nicht so voll. Den Freundinnen geht es gut. Sandra war während des Lockdowns viel bei ihrem Freund in Kelkheim, Brigitte später in ihrer Ferienwohnung im Frankenland. „Der Großstadt entfliehen“, sagt Brigitte und erzählt von häufigen Rempeleien der Jogger im Grüneburgpark während der Corona-Krise, vollen Mainufern und einer Gereiztheit, die immer noch in der Luft liege. Ihr Mann ist vor ein paar Tagen vom Fahrrad geschubst worden, nachdem er auf sein Vorfahrtsrecht aufmerksam gemacht hatte. Kleiner Finger gebrochen, Platzwunde an der Stirn. Auch die Autofahrer würden immer dreister. „Solche Krawalle wie in Stuttgart kann ich mir hier auch vorstellen“, ergänzt Sandra. „Ich glaube nicht, dass wir in einigen Jahren abends noch so unbefangen alleine durch die Stadt laufen können, wie wir es jahrelang getan haben.“

 

Sicher wird es nicht besser, wenn in Banken und im Einzelhandel oder im Niedriglohnsektor immer mehr Arbeitsplätze verloren gehen und der wirtschaftliche Druck zunimmt. Von einem 2. Lockdown und dessen Folgen ganz zu schweigen. Aber es gibt auch Corona-Krisengewinnler. Als ich für das Rückfahrtticket nach Bad Nauheim 20 Euro in den Automaten stecke, nutzt eine ziemlich herunter gekommene Figur die Abstandsschere im Fahrgastkopf, schubst mich so zur Seite, dass ich wegspringe und schnappt sich wie im Flug das Wechselgeld. Verwundert halte ich den Fahrschein in der Hand.

 

Schön war es heute in Frankfurt, aber ich bin auch froh, wieder daheim zu sein. Zunehmend werde ich zur Großstadtskeptikerin. Daheim ist jetzt Bad Nauheim.

 

 

Foto: Antje Lilienthal

 

 

 

 

 

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