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Martin Heß: Politische Dekadenz


Der Gedanke, dass die USA am Abgrund stehen, hat schon immer eine gewisse Attraktivität für Menschen, die sich über Politik in der Welt Gedanken machen. Jedes Imperium, so die populär-historische Meinung, entwickelt trotz oder wegen der großen Stärke und Dominanz im Äußeren, mit der Zeit innere Schwächen, die aus einer Art Verweichlichung resultieren, so dass es am Ende an seiner eigenen Dekadenz zugrunde geht. Diese Auffassung wird von der wissenschaftlichen Geschichtsforschung zwar so nicht geteilt, aber ein Verfall von Sitten und Moral, von Würde und Werten, und zwar in den politischen Prozessen selbst, ist in den Vereinigten Staaten zweifellos schon viele Jahre zu beobachten. Und es wird immer schlimmer. 
Das geradezu epische Scheitern der derzeitigen Regierung angesichts der Erfordernisse eines wirkungsvollen Krisenmanagements in einer Pandemie, stellt dabei den vorläufigen Höhepunkt dar und hebt die tödlichen Auswirkungen der politischen Dekadenz wie unter einem Vergrößerungsglas hervor. Wenn Wissenschaft als Basis politischen Handelns nicht mehr akzeptiert wird, wenn Hygienemaßnahmen ideologisch begründet werden, wenn der Präsident, hinter dem sich die Nation in Krisenzeiten eigentlich geschlossen versammeln sollte, Verschwörungsphantasien unterstützt, die Bedrohung verharmlost und durch andauernde Anschuldigungen und Unwahrheiten gegen politische Gegner eine Klima von Hass und Spaltung und allgemeiner Irrationalität in der Gesellschaft zu erzeugen versucht, dann wird systematisch das zerstört, was für die Bewältigung jeder Epidemie unabdingbar ist: Vertrauen und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für das Allgemeinwohl durch den Einzelnen. 
Denn die Macht eines Staates ist begrenzt. Er ist auf die Kooperation der Menschen angewiesen, wenn es um die Einhaltung von Hygieneregeln geht, und ohne die ist eine Seuche nicht einzuhegen. Der höchste Zweck eines Staates ist das Wohlergehen seiner Bürger und der Erhalt ihrer Freiheit. Und dass dazu die Macht alleine nicht ausreicht, sieht man beim Vergleich der Nationen in einer Pandemie, als wäre sie ein eigens dafür geschaffenes, politologisches Experiment: Der höchste Wert eines Staates ist seine Kultur, nicht seine Macht! Sie allein erzeugt Gemeinsinn. 
Was jeder hierzulande beim Blick über den Teich bald zu erkennen meint, ist ein zunehmender kommunikativer Verfall. Ein paar Stunden US-Newskanäle auf YouTube offenbaren sehr schnell die Verkommenheit des politischen Diskurses in der derzeitigen Situation wie auch in der Vergangenheit, den Verlust des Anstands, der Sitte und Moral in der öffentlichen Auseinandersetzung, die doch schließlich das Herzstück einer Demokratie sind. Dieses Herz ist vergiftet. Der moralische und emotionale Niedergang der Vereinigten Staaten ist unübersehbar. Es ist ernst. Das was die größte Stärke einer Demokratie ist und zugleich auch ihre größte Schwäche, nämlich die Meinungsvielfalt im öffentlichen Diskurs, hat sich - oder wurde - gegen sie gewendet. Die Wahrheit scheint beliebig, Tatsachen verhandelbar und Fakten existieren in verschiedenen Alternativen. Der Aufschlag in der Realität wird hart werden. Er hat soeben begonnen.
PS:
Was die ökonomische Situation angeht, stehen weder die USA noch die anderen Industrienationen derzeit am Abgrund: Wir sind deutlich weiter! Es ist wohl eher so, wie in den Cartoons, wenn einer über die Klippe hinaus gerannt ist, es aber noch nicht gemerkt hat - und die Schwerkraft auch noch nicht - und ihm dann, nach einem kurzen Blick nach unten, das Unvermeidliche klar wird und er senkrecht abwärts rauscht ...

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