Susann Barczikowski: Chaos im System

Ich habs getan. Zweimal in der letzen Woche und gestern schon wieder. Es ist einfach so über mich gekommen, und dann ist es passiert. Plötzlich, ohne zu überlegen, ohne zu zögern. Ganz spontan. Vor allem aber unbewusst. Erst das Gefühl, dann die Reaktion.

Im Grunde genommen ist nichts wirklich Schlimmes passiert. Aber: Darf man sich in diesen Zeiten von Emotionen leiten lassen? Menschen einfach umarmen, mit Küsschen links, Küsschen rechts.

Emotionen entstehen in einem Teil unseres Gehirns, der nicht bewusst gesteuert werden kann. Verantwortlich dafür ist das Limbische System. Es heißt, es reguliert unser Affekt- und Triebverhalten. Es soll aber auch für Gedächtnis und Motivation sowie viszerale Prozesse zuständig sein, also für Informationen aus dem Inneren des Körpers.

Emotionen, die aus meinem Inneren kommen, sind ganz normal, denke ich. Was ist schon dabei, eine Freundin zu umarmen und ihr ein Küsschen aufzudrücken, wenn einem danach ist?

Aber wie so vieles im Leben hat eine unwillentlich ausgelöste Handlung auch ihre Tücken. Sie könnte bisweilen völlig unangebracht sein. Denn das Limbische System schätzt emotionale Situationen mitunter falsch ein. Und das könnte fatale Folgen haben. Nicht auszudenken, wenn man statt vor dem bösen Wolf zu fliehen einfach stehen bliebe …

Wie dem auch sei, in meinem Fall meldete sich kurz nach dem durchaus freudigen, weil jahrelang erlerntem, „Gefühlsausbruch“ mein schlechtes Gewissen. Hat dieses emotionale Handeln die Vernunft überlistet? Hätte ich mich nicht zurückhalten müssen? Die Hygieneregeln sind doch bekannt und Abstandhalten sollte längst verinnerlicht sein.
Warum, bitte schön, wurden kurz vor Umarmung und Küsschen links, Küsschen rechts keine Stresshormone ausgeschüttet? Hatte meine Amygdala versagt, jene mandelförmige Verarbeitungsstation im Hirn, die Angst signalisieren sollte, wenn es darauf ankommt? Denn schließlich kann jeder noch so nette Mensch potenzieller Virus-Überträger sein.

Angst ist im Menschen tiefverwurzelt. Die Angst vor Krankheiten könne sogar Urängste auslösen, meinen Psychologen. Das kann sich dann anfühlen als stünde man „hilflos einer feindlichen Umwelt und damit dem Tod, der Natur und den Unvorhersehbarkeiten des Lebens" gegenüber.

Chaos im Limbischen System, denke ich. Corona als reale Bedrohung ist in meinem Kopf vielleicht noch nicht angekommen.

Quellen: www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/amygdala; www.wikipedia.org/wiki/Urangst

 

Foto: Installation von Mady Andrien, Lüttich

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