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Rita H. Greve: Stumme Chöre

Foto: privat - Konzertpavillon Hotel Dolce, Bad Nauheim 2017
Foto: privat - Konzertpavillon Hotel Dolce, Bad Nauheim 2017

Die meisten Chöre sind verstummt. Auch ich bin Sängerin. Singen ist „Nahrung für die Seele“, und es fehlt mir wirklich sehr. Dennoch sehe ich ein, dass es schwerwiegende Gründe gibt, das gemeinsame Singen noch zu unterlassen. Daher erschließt es sich mir überhaupt nicht, warum in Rheinland/Pfalz und Bayern das Chorsingen seit Ende Juni bereits wieder erlaubt ist; denn an der Ausgangslage hat sich nichts geändert. Der SARS-CoV-2-Erreger überträgt sich nicht nur beim Husten und Niesen. Dass Singen in einer Gruppe gefährlich sein kann, zeigen Fälle aus den USA und Deutschland.

 

Im Bundestaat Washington (USA) traf sich eine 61-köpfige Chor-Gruppe zu Proben. Alle vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen wurden eingehalten: kontaktlose Begrüßung, Desinfektionsmittel und eine strikte Einhaltung der Abstandsregeln. Dennoch erkrankten 53 der 61 Anwesenden an Covid-19. Mehrere Personen mussten im Krankenhaus behandelt werden, zwei verstarben in Folge der Infektion.

 

Ein ähnlicher Fall von vielfachen Infektionen nach einer Chorprobe wurde Anfang April auch im Berliner Domchor bekannt. 59 von 78 Chormitgliedern zeigten nach wenigen Tagen Krankheitssymptome, 31 davon wurden positiv auf Covid-19 getestet.

 

Dem Robert-Koch-Institut zufolge verbreitet sich das Coronavirus beim Singen stark, und  RKI-Chef Wieler warnte bereits in der Pressekonferenz vom 28. April: "Tröpfchen fliegen besonders weit beim Singen". Weiter vermuten Mediziner, dass schwere Verläufe von Covid-19 sich insbesondere dann einstellen, wenn das Virus gleich zu Beginn der Infektion die Lunge befällt. Das dürfte der Fall sein, wenn man in Gegenwart infizierter Personen von diesen kontaminierte Aerosole tief einatmet. Und das tiefe Einatmen ist beim Singen nun einmal erforderlich. Wenn man außerdem sehr stark artikuliert, könnte es sein, dass Partikel weiter als beim normalen Sprechen geschleudert werden.

Ob das so ist, dazu gibt es bisher kaum aussagekräftige Untersuchungen. Deswegen tun sich Experten schwer, für das gemeinsame Singen Regeln zu formulieren. Zwischen 1,5 und 6 Metern  Abstand schwanken die Empfehlungen.

 

Aus diesen Gründen hat HNO-Arzt Matthias Echternach in einem BR-Studio zusammen mit anderen Forschern einen aufwändigen Test aufgebaut: Zehn Sänger aus dem Chor des Bayerischen Rundfunks treten dort für einen wissenschaftlichen Versuch an und müssen unter strenger Beobachtung laut und leise singen, mit und ohne Text, sie müssen atmen, niesen und auch sprechen. Mehrere Kameras filmen, wie sich größere oder auch winzig kleine Tröpfchen, die sogenannten Aerosole, aus der Atemluft im Raum verbreiten.

Um die Aerosole sichtbar zu machen, nutzen die Forscher eine unbedenkliche Trägerlösung von E-Zigaretten, die beim Ausatmen sichbar gemacht werden kann. Dazu kommt für einen Teil des Versuchs noch Laserlicht, erklärt Stefan Kniesburges von der Uniklinik Erlangen. Jedes sichtbare Teilchen, auch Tröpfchen aus dem Mund, streue das Licht, sagt der Spezialist für Strömungsmechanik, "und wir können das mit den Highspeed-Kameras, die wir aufgebaut haben, aufnehmen und die Bewegung verfolgen."

Das Luftholen passiert jedes Mal über einen tiefen Lungenzug mit der E-Zigarette. Wobei der Ausgang des Versuchs offen ist, betont Versuchsleiter Matthias Echternach. Da er selbst Sänger ist, würde er sich natürlich freuen, wenn sich herausstellte, dass singende Menschen weniger Tröpfchen verbreiten als gedacht. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Über den Ausgang der Studie ist meines Wissens bislang noch nichts bekannt.

 

Auch Musikmediziner Eckart Altenmüller ist überzeugt: "Wenn wir vermeiden wollen, dass sich diese Pandemie wieder ausbreitet, dann sollten wir im Moment keinen Chorgesang erlauben". Optimistisch geschätzt könne das Singen in großen Chören in geschlossenen Räumen vielleicht Mitte September wieder beginnen. Das wichtigste Ziel müsse jetzt sein, die Gesundheit der Sängerinnen und Sänger zu schützen. Altenmüller leitet das Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

Auch er sieht vor allem in den Aerosolen eine Ansteckungsgefahr. Unter bestimmten Bedingungen halten sie sich nach Auskunft des Mediziners bis zu drei Stunden in der Luft. Aerosole können laut Altenmüller etwa drei bis fünf Meter weit fliegen. Eine Vertreterin des niedersächsischen Corona-Krisenstabs hatte sogar davon gesprochen, dass Aerosole beim Singen bis zu 30 Meter weit fliegen könnten. Da die erforderlichen Messungen noch nicht vorliegen, steht die Wissenschaft in diesem Punkt aber noch ganz am Anfang

Für vertretbar hält Altenmüller die neue gesetzliche Regelung in Niedersachsen, nach der Kleingruppen von bis zu vier Personen unter Wahrung des Mindestabstands von 1,50 Metern gemeinsam singen dürfen. Allerdings müsse der Raum groß genug sein - bei vier Sängern mindestens 40 Quadratmeter. Zudem müsse regelmäßig gelüftet werden. Auch Singen im Freien sei mit deutlichen Abständen zueinander denkbar.

Wie auch immer. Für mich fällt das Singen im Chor bis auf weiteres aus - so schmerzlich es auch sein mag.

 

 

Quellen: BR-Klassik-„Leporello“, Domradio

 

 

 

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