· 

Martin Heß: Symptome

Foto: Martin Heß 2020, Auf dem Hausbergturm
Foto: Martin Heß 2020, Auf dem Hausbergturm
Ich weiß ja auch nicht, was ich davon halten soll, aber es ist halt passiert. Und nicht nur einmal. Dabei wollte ich es gar nicht. Keiner kann das wollen, ich bitte Sie! Wir haben Pandemie! Und trotzdem ist es passiert. Natürlich fragt man sich hinterher, wie das überhaupt sein konnte, wie so etwas möglich war und man analysiert und rückverfolgt und sucht die Ursachen. Doch gefunden habe ich nichts. Es geschah grundlos. Einfach so. Ein Phasenübergang aus dem Nichts. Und plötzlich ist es da. 
Wo es hergekommen ist, vermag ich nicht zu sagen, doch wo es anfing, das weiß ich ganz genau. Links und rechts des Nasenrückens, auf Höhe meiner Wangenknochen, dort wo der Zygomaticus Major fast den Orbicularis Oculi berührt, dort irgendwo muss es gewesen sein, wo ich den ersten Hauch, ein feines Ziehen, die erste Ahnung verspürte ohne etwas wirklich wahrzunehmen, erst als es sich auszubreiten begann. Und als es war, als fließe von dort ein leuchtendes Nichts, eine langsam sich steigernde und sich ausbreitende transparente Helligkeit, wie ein kühles Gel in einem elektrischen Feld von einem Aroma voller Frucht und Frische umgeben, in meinen Atem hinein und in mein Blut und knipste das Licht an in meinen Gedanken. Und als es war, als werde ein Schleier von meiner Seele genommen, von dem ich gar nicht wusste, dass er da gewesen war und ich mich entspannte und es meine Mundwinkel nach oben zog und eine festliche, leuchtende, kitzelnde Leere sich im Magen und im Leib auszubreiten begann, und diese Leichtigkeit, ach diese Leichtigkeit in den ganzen Körper trug! 
Ich habe das nach meinem ersten - ja nun - Anfall weiter beobachtet. Man macht sich ja Sorgen und googelt und plant einen Arztbesuch und all diese Dinge. (Was wenn es chronisch wird?) Wann hat das angefangen, wird er fragen. Und ich werde ein bißchen flunkern, denn vermutlich hätte ich früher kommen sollen. Aber die Pandemie, Sie verstehen. Nun gut. Ja, es ist noch mehrfach aufgetreten, werde ich sagen, mir scheint, es wird häufiger, Herr Doktor. Können Sie schon sagen, was das sein könnte? Brauche ich weitere Untersuchungen? Und er würde sich das Kinn reiben und mich über den Rand seiner randlosen Lesebrille ansehen oder besser anblicken, und er würde also in meine angsterfüllte Seele schauen und sagen, dass es nichts schlimmes sei, nur ein Virus, ein Corona-Virus, und das führe zum Lockdown und der wiederum habe mitunter ungewohnte  Begleiterscheinungen bei Betroffenen, so genannte Emotionen. Das gehe vorbei. Ich solle viel trinken. Tja, und das würde ich dann auch tun. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0