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Antje Lilienthal: Begrenzte Freiheiten

Foto: Lilienthal
Foto: Lilienthal

Nein, wir fliegen dieses Jahr nicht wie geplant an die Cote d’Azur. Obwohl es erlaubt ist. Und obwohl uns Apps als digitale Reisebegleiter zu Stränden dirigieren würden, an denen wir eine Liege belegen dürfen und in Restaurants, in denen auch unter Corona-Bedingungen ein Platz frei ist.

Wir halten es mit Andreas Maier, der im April im Reiseblatt der FAZ eine Lanze für ein entschleunigtes und umweltschonendes Reisen brach. Wir setzen unsere während des Shutdowns begonnene Wanderserie „Unterwegs in Hessen fort“. Das ist aber schon jetzt nicht mehr angesagt. „Wollt Ihr denn nicht die Tourismusbranche unterstützen?“, werden wir gefragt? Nein, so nicht. Wir verzichten darauf, Helden zu sein wie die ersten deutschen Testurlauber, die Mitte des Monats wieder auf Mallorca landeten und dafür eifrig beklatscht wurden. Was haben sie nicht alles auf sich genommen. Eine lange Abfertigungsschlange am Flughafen, dicht an dicht. Eine brechend volle Maschine, Gerangel beim Verstauen des Handgepäcks. Und last but not least: vielleicht ein Comeback von Corona. Denn, nur wenn für die knapp 11 000 Urlauber im Juni auf den Balearen alles glatt läuft, darf dort der Tourismusbetrieb im Juli wieder weitgehend normal laufen.

Endlich wieder Mallorca“, sagt ein Paar aus Düsseldorf, das seine vier Wände satt hat. „Endlich wieder was anderes sehen.“ Dass sie schon älter sind, geschenkt. Dass die balearische Regionalpräsidentin zur Vorsicht mahnt und an die Corona-Toten auf den Inseln erinnert, scheint die Urlaubsfreude auch nicht sonderlich zu beeinträchtigen. Wie sagt Andreas Maier zum modernen Reisen: “Die Möglichkeit ist da, also wird sie ergriffen.“ Das war vor Corona so und es ist zu befürchten, dass das auch trotz Corona so bleiben wird.

Noch vor einigen Wochen hatte Zukunftsforscher Matthias Horx von einer möglichen Neuorganisation der Wirtschaft und insgesamt klimaschonendem entschleunigten Verhalten gesprochen. Aber dazu seien die Menschen nur bereit, wenn sie Katastrophen oder Kriege erleben, schränkt Stefan Brunnhuber, Psychiater und Mitglied des Club of Rome, ein. Acht Wochen Lockdown und bisher weltweit mehr als 9 Millionen Infizierte und bald 500 000 Tote durch einen Virus reichen offenbar für einen grundlegenden Wandel unserer Wirtschaft und Gesellschaft nicht aus. Erst recht nicht ein Klimawandel, dessen absehbare verheerende Folgen ja erst in einigen Jahrzehnten wirklich spürbar werden.

Corona taugt offenbar (noch) nicht als Geburtshelfer für ein ressourcenschonendes Leben. Warum besetzt man nicht einfach nur jeden 2. Platz und jede 2. Reihe in Flugzeugen und Zügen? Das geht ökonomisch nicht, sagen die Experten. Das hätte den Niedergang der Industrien und Massenarbeitslosigkeit zur Folge. Auf die Idee, dass wir beispielsweise mehr fürs Reisen oder auch fürs Fleisch zahlen, dafür aber insgesamt weniger reisen oder Fleisch essen, kommen nur ein paar Weltverbesserer. Massenarbeitslosigkeit zu vermeiden, indem die Arbeit anders verteilt und etwa durch eine Vermögensabgabe finanziert wird, zieht auch kaum jemand ernsthaft in Erwägung. Stattdessen wird um die Wette gelockert, damit die Wirtschaft wieder brummt und der Konsument soll bitte konsumieren, statt sich weiter zu isolieren.

Wenn der Virus wieder zuschlägt, machen wir eben wieder eine Rolle rückwärts. Die nordrhein-westfälischen Kreise Gütersloh und Warendorf sind wieder im Lockdown-Modus, nachdem sich mehr als 1500 Werksarbeiter des Schlachtbetriebs Tönnies infiziert hatten. Schulen wurden kurz nach Öffnung schon wieder geschlossen und Einwohner ohne Gesundheitstest haben Urlaubsverbot in Bayern, Schleswig- Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg Vorpommern. Von Usedom wurden Urlauber aus dem neuen Risikogebiet wieder nach Hause geschickt. In Corona-Zeiten stößt nicht nur die Reisefreiheit schnell an ihre Grenzen. In Berlin und Göttingen bewacht die Polizei unter Quarantäne gestellte und mit Stacheldraht abgezäunte Wohnblocks. Das ist der Preis dafür, dass unvorsichtige Menschen ihren geliebten Gewohnheiten nachgehen - und, gelinde ausgedrückt, unvorsichtige Unternehmen ihren gewohnten Reibach machen.

Immerhin, damit der Schaden künftig begrenzt wird, haben wir die Corona App. Ich bin sicher, weitere Apps werden folgen, mit denen die Misere in Schach gehalten werden soll. Aber die Verantwortung für uns und unsere Umwelt werden diese uns nicht abnehmen können. Ihr werden wir nur mit einer anderen Lebens- und Wirtschaftsweise gerecht.

 

 

 

 

 

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