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Martin Heß: Alles in Ordnung

Foto: Martin Heß 2020, Baumzeichen
Foto: Martin Heß 2020, Baumzeichen

Dieser penetrante Geruch nach Desinfektionsmittel. Dieses benzinige, schneidende, hochfrequente - ach - doch es ist nicht so schlimm. Man kann das gut aushalten, gewöhnt sich daran. Irgendwann riecht man es nicht mehr. Alles halb so wild.
Ich drehe mich um. Das Linoleum quietscht unter meinen Sohlen. Neonröhren füllen den Raum mit kaltem, ungesunden Licht. Hier irgendwo muss es sein. Ganz bestimmt. Ich drücke den Knauf, der sich fast widerstandslos bewegen lässt. Auch die Tür ist verschlossen. Das ist nicht schlimm. Halb so wild. Dann versuche ich es eben an der nächsten. Es gibt ja viele hier. Sehr viele. Den ganzen Gang hinab bis zum Ende. Links und rechts. Weiß, neutraler Griff. Alles in Ordnung. Alles gut. 

Ich muss doch hier irgendwo ... hier muss es doch sein ... ganz bestimmt. Jetzt bin ich doch schon lange - aber so lange auch wieder nicht - gelaufen und habe probiert. Jetzt bin ich müde. Aber angenehm, nicht schlimm. Das ist ja eine positive Müdigkeit, wenn man was getan hat! Die nächste Klinke. Nichts. Logisch. Verschlossen. War ja auch zu erwarten. Also keine Überraschung. Alles ok. Ist gar nichts dabei. Ich gehe weiter. Links, rechts, links. Auch wenn ich die Klinken ganz nach unten drücke, lassen sich die Türen keinen Millimeter bewegen. Keinen Millimeter. Tja. So sehr ich auch drücke, es rührt sich nichts. Also gute Wertarbeit, das muss man sagen! Richtig stabile Türen, fest verbaut. Blatt, Zarge, Falzverkleidung, Zierverkleidung, Bänder, Schlosskasten, Drückergarnitur - alles tiptop. Da wackelt nichts. Da macht nichts Töne. Da gibt es keine Spalten. Das ist beruhigend, oder? Es ist doch alles in Ordnung. Nicht wahr? Ich blicke den Gang hinunter. Da hängt ein Kabel von der Decke. Das hing doch vorhin noch nicht? Na wenn schon. Was soll‘s. Es ist alles in Ordnung. 

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