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Martin Heß: Vertraue mir!

Corona infiziert das Vertrauen und das ist ein sehr empfindliches Gut. Irritationen nimmt es schnell mal übel und verschwindet. Hast Du das Virus? Sind Sie infiziert? Wer kann das schon wissen? 

 

Vertrauen ist die Basis des Miteinander. Dafür gibt es eine evolutionsbiologische Begründung. Homo Sapiens ist ein Herdentier, das Absprachen treffen kann. Wir sind das Geschichten erzählende und in Geschichten lebende Säugetier auf diesem Planeten.

 

Das kommt unter anderem daher, dass unser Gehirn andauernd Geschichten erfindet, uns ständig mit der Erzählung darüber versorgt, was dies alles bedeutet, was da gerade vor sich geht und wohin es führt. Es entwickelt Vorstellungen von der Zukunft. Und je nachdem wie ihm diese - mehr oder weniger deutlich - vorgestellte Zukunft behagt, macht es Emotionen. Vorfreude zum Beispiel. Oder Angst. Wenn es um Corona geht, immer Angst.

 

Die Seuche hat Symptome, Todesarten und Spätfolgen gezeigt, die man auch mit einer einprozentigen Wahrscheinlichkeit nicht riskieren möchte. Erst recht nicht, mit einer fünf- oder zehnprozentigen. Und wie groß die tatsächlich ist, bleibt unsicher. Also geht das Gehirn - jedenfalls in der „Standardversion“ - bei der Entwicklung seiner Zukunftsvorstellungen vom Worstcase aus und schaut, was der bedeuten würde. 

 

Das Risikogefühl, das der Entwicklung einer Angst vor etwas, zum Beispiel der Begegnung mit anderen Menschen, zugrunde liegt, lässt sich durch eine Gleichung beschreiben: Wahrscheinlichkeit x Schaden = Risiko.  Die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, wird dabei mit einem Wert zwischen 0 (unmöglich) und 1 (sicher) angegeben. (Eine Chance von 50:50 heißt hier also p = 0,5)

 

Der Schaden kann in der Einheit bemessen werden, die einem zusagt oder um die es geht. Auf diese Weise lassen sich Risiken mit einander vergleichen, vorausgesetzt es gelingt einem, den Schaden zu skalieren. In unserem Denken geschieht das emotional.

 

Kleinste emotionale Regungen, die sich in minimalen Veränderungen der Körperspannung spiegeln, die wir fühlen, fungieren als komplexitätsreduzierende Bewertungsprozesse, während das Gehirn die von ihm selbst entworfenen Zukünfte deutet. So entsteht vor Entscheidungen ein „Bauchgefühl“. Und das ist für manche  Menschen wichtiger als Expertenrat, obwohl es einen sehr täuschen kann und leicht manipulierbar ist. 

 

Normaler Weise geben sich Menschen, wenn sie sich begegnen, auf dieser Basis einen kräftigen Vertrauensvorschuss. Wir fürchten üblicherweise nicht, dass uns andere körperlich schaden wollen oder könnten. Mit dieser Leutseligkeit könnte es jetzt erstmal vorbei sein. Geradezu ikonisch erscheint da die Schutzmaßnahme Nr. 1, die Verweigerung des Handschlags, galt dieser doch in früheren, dunkleren Zeiten - so wird es gerne erzählt - als sichtbares Zeichen, dass man beim Zusammentreffen kein Messer hinter dem Rücken bereithält. Sollten derlei Zusammenhänge in einer Art „kollektivem Unbewussten“ niedergelegt sein, so soll das an dieser Stelle der psychologischen Phantasie des Beobachters überlassen werden, sich auszumalen, wie sich dies nun auswirken wird in der kommenden Zeit auf ihn selbst und die Gesellschaft.

Sodann bedarf es scharfer (Selbst-) Beobachtung, denn die Wirkung ist subtil, weitgehend unbewusst und sicherlich nicht vertrauenstärkend.

 

Martin Heß

 

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