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Antje Lilienthal: Über den Graben

Foto: Antje Lilienthal
Foto: Antje Lilienthal

Ziemlich schmallippig fragte mich mein Schwager, ob ich denn noch zum Sonntags-Kaffeetrinken kommen wolle. „Bleib vielleicht lieber zu Hause. Da hast Du Deinen Abstand“. Ich war baff. Auf das Treffen hatte ich mich gefreut und nach einigem Geplänkel fand es dann auch schließlich statt. Aber harmonisch wollte es diesmal nicht so recht werden. „Reicht Dir der Abstand“, fragte Rainer mehrmals auf seiner Terrasse, oder „Soll ich Dir einen Mundschutz holen?“ und „Du machst einen ja ganz verrückt mit Deiner Panik. Den Armin", (mein Mann), "hast Du ja auch schon angesteckt“. Ich wiegelte um des lieben Frieden willens ab. Tatsächlich hatte ich Rainer letztes Mal um mehr Abstand gebeten, als er mir beim Möbelrücken etwas zu nahegekommen war. Vielleicht hatte ich sogar ein bisschen gezischt. Jedenfalls muss ihn das tief gekränkt haben; und jetzt spüre ich einen Knacks in der Beziehung.

Ähnliches höre ich von Freunden und Bekannten. Im Zug der Corona-Krise geht wieder ein tiefer Riss durch die Gesellschaft, bis in Freundeskreise und sogar in Familien hinein. Alt gegen Jung, Arbeitnehmer gegen Rentner, Eltern gegen Kinderlose, Party-Hengste gegen Stubenhocker. Einer scheint dem anderen an den Kragen zu wollen, ihm etwas zu nehmen, was er dringend braucht. „Die vielfach beschworene Solidarität während der Pandemie hat sich ziemlich schnell aufgelöst“, sagt Matthias Fifka von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er hat Mitte Mai eine repräsentative Studie geleitet, bei der ermittelt wurde, wie die Deutschen zu den pandemiebedingten Einschränkungen stehen. „Jeder ist sich selbst der Nächste“, lautet sein Fazit. Das ist nicht ungefährlich. Denn diesmal geht es um viel: um Krankheit oder Gesundheit, um Arbeitsplätze, um unsere Ersparnisse, um Europa, für manche um Leben oder Tod; für einige um Diktatur oder Demokratie.

 

Umso nötiger ist es, eine gemeinsame Sprache zu finden und tragfähige Konfliktlösungen. In den 70-er Jahren entwickelte der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation als eine Sprache der Verbindung. Im Kern geht es darum, dass die Konfliktpartner die Situation aus ihrer jeweiligen Sicht beobachten und beschreiben; im Anschluss daran ihre Gefühle zu dieser Situation formulieren und die Bedürfnisse benennen, die ihren Gefühlen zugrunde liegen. Schließlich äußern sie entsprechende Bitten an ihr Gegenüber. Rosenberg hat sein Modell, das weder Gewinner noch Verlierer kennt, weltweit in Kriegs- und Krisengebieten als Vermittler angewendet. Das Konzept wurde seitdem von seinen Anhängern in vielen Ländern der Welt zur Konfliktbewältigung praktiziert.

 

Vielleicht ist heute ein guter Zeitpunkt, sich dieses Konzepts zu erinnern. Und uns zu  fragen, welche Bedürfnisse stehen hinter welcher vorgetragenen Einstellung. Auch wenn sie noch so hanebüchen daherkommen mag wie die der Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner. Sie fordern etwa lautstark Meinungsfreiheit, und das wochenlang ungestört auf vielen Plätzen in der Bundesrepublik. Sie kritisieren in die Mikrofone hinein den Meinungsterror von ZDF und ARD und diese Sender übertragen das Geschehen simultan in die Wohnzimmer der Zuschauer. Der Wunsch nach Meinungsfreiheit kann also offensichtlich nicht das zugrunde liegende Bedürfnis sein, das diese Demonstranten und ihre Anhänger (immerhin derzeit 17 % aller Deutschen) auf die Straßen treibt. Aber warum fragt die überwiegende Mehrheit nicht ernsthaft, was die wachsende Minderheit nun wirklich besorgt? Welche Ängste und Bedürfnisse diese Menschen hinter ihren Parolen und hinter ihrer Wut verstecken? Stattdessen stürzen wir uns auf Aussagen, die uns anscheinend genügend Stoff bieten, die Andersdenkenden als Spinner, Wutbürger und Querulanten abzuqualifizieren und uns schnellstmöglich zu distanzieren. Oder wir fangen gleich unsererseits an, sie zu beschimpfen und Tiraden auf sie loszulassen. Denn auch wir werden von Bedürfnissen geleitet, die das Blut hochwallen lassen. Nämlich denen, so gut wie möglich durch diese Krise zu kommen. Und da bringen uns die „Störer“ mächtig auf die Palme. Nur die ganz Ruhigen schaffen es geradeso, die Kurve zu kriegen, indem sie das Thema vom Tisch nehmen. Was bleibt, ist eine scheinbar unüberwindbare Sprachlosigkeit.

 

Diese werden wir nur überwinden, wenn wir „wegkommen von Urteilen, Erwartungen und Vorstellungen, wie alles zu sein hat, wie der andere sich zu benehmen hat“, erklärt die Hamburger Kommunikationstrainerin und Yogalehrerin Simran Kaur. Schuldzuweisungen und Mangel an Respekt verhärten die Linien. Herabsetzende Kritik und unverblümte Forderungen provozieren Verteidigung, Gegenangriff oder den Rückzug. Allein die wertschätzende Beziehung ermöglicht Kooperation.

  

Und eine gut begründete Bitte erlaubt die Suche nach Lösungen. Nächstes Mal versuche ich es mit Rainer anders. „Ich merke gerade, dass du mir im Eifer des Gefechts immer näherkommst, und das macht mir Angst. Du weißt ja, meine Operation im letzten Jahr.  Kannst Du bitte wieder etwas auf Abstand gehen?“  

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