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Rita H. Greve - "Angst essen Seele auf"

Bild/Foto: Rita H. Greve
Bild/Foto: Rita H. Greve

Seit Tagen geht mir dieses alte indianische Sprichwort, das auch Rainer Werner Fassbender als Titel für seinen 1974 gedrehten Film diente, nicht mehr aus dem Kopf.

 

Meine Seele ist angegriffen, leidet unter der unsäglichen Situation, der wir alle ausgesetzt sind. Dabei versuche ich, trotz allem Freude zu haben und die schönen Dinge, die erblühte Natur und meinen Garten zu genießen. Auch Telefongespräche mit Familie und Freunden geben für eine Weile Kraft und lenken ab von den derzeitigen Unfreiheiten und Sorgen.

 

Aber es ist gar nicht so einfach, keine Angst zu haben. Sie lauert überall. Die Angst vor der Ansteckung. Die Angst vorm Tod. Das Leben kann jederzeit enden. Doch gerne würde ich noch eine Weile bleiben. Ich möchte meine Tochter ein weiteres Stück auf ihrem Lebensweg  begleiten. Sie wird es schwer haben ohne mich – ganz allein auf sich gestellt – denn für alles kann ich nicht vorsorgen.

 

Auch meine Enkel möchte ich weiter aufwachsen sehen. Wenigstens noch eine Weile. Doch das ist genau der Punkt: Wieviel Zeit bleibt mir? Momentan traue ich mich ja gar nicht in ihre Nähe. Seit einigen Monaten haben wir uns nicht mehr gesehen. Und immer nur Skypen ist kein Ersatz. Gerne würde ich meine Familie in Bayern besuchen. Doch das Ansteckungsrisiko durch Kinder ist gleich hoch wie das durch Erwachsene, wie die Studie des Virologen Christian Drosten besagt. Danach darf ich meine Enkel nicht umarmen, muss Abstand von ihnen halten. Wie soll das gehen, wenn man sich besucht und ein paar Tage zusammen lebt? Also hält die Angst und auch das Mißtrauen an, trotz aller nach und nach zurück gegebenen Freiheiten.

 

„Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten“ sagt Mascha Kaleko in einem ihrer Gedichte. Aber wie mache ich das? Wie kann ich die Angst überwinden? Wie kann ich Kraft für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft erlangen? Dazu bräuchte es eine starke Gesundheit, die ich nicht habe und/oder eine starke Seele, die die Angst nicht an sich heranlässt. Eine Seele, die – umgekehrt zu dem indianischen Sprichwort – die Angst aufisst  („Seele essen Angst auf“).  Mascha Kaleko sagt aber auch:„Geh dem Leid nicht entgegen.“ (will sagen: fordere nichts heraus – oder begib dich nicht in Gefahr)

 

Also, was bleibt mir übrig? Ich befinde mich in einem Dilemma.

 

Fahre ich zu meiner Familie nach Bayern, dann fährt die Angst mit und wird auch die Tage des Aufenthaltes dort überschatten. Obwohl vielleicht nichts passiert – es ist ein Risiko. Und wenn etwas passiert, wird sich meine Familie die größten Vorwürfe machen, dass sie zu der Reise ermuntert hat.

 

Fahre ich nicht, setze ich mich dieser Angst nicht aus, werde aber wahrscheinlich einen sehr traurigen runden Geburtstag zu Hause feiern.

 

Ich wünschte, es gäbe jemanden, der meine Angst einsammelt ...

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Martin Schubert ("der andere Martin") (Sonntag, 14 Juni 2020 14:58)

    Liebe Frau Greve,
    ich habe Ihren Beitrag mit großer Anteilnahme gelesen und bedanke mich dafür. Ich denke aber, dass es nicht unbedingt nötig ist, die eignen Ängste zu ernst zu nehmen, zu sehr zu betonen und sich ihnen zu überlassen. Vielleicht schafft man es, wenn man sich von einer zu negativen Sicht der Welt / der Dinge / der Zukunft niederdrücken lässt, die Gedanken ein bisschen "abzuschalten". Oder man versucht, Dinge und Gedanken zu finden - vielleicht bei anderen? -, die die eigenen positiv beeinflussen. Bitte versuchen Sie, Ihren Gedanken eine schönere Richtung zu geben! Ich wünsche Ihnen allen Erfolg damit!
    Liebe Grüße,
    Martin ("der andere")

  • #2

    Margit Seibel (Sonntag, 14 Juni 2020 16:41)

    Liebe Frau Greve,
    Petra Ihm-Fahle hat Ihren Beitrag auf Facebook gepostet. Ich habe ihn kommentiert und sie hat mich gebeten, meinen Kommentar doch in den Blog zu schreiben, damit sie ihn lesen.
    Sorry, ich habe nur darauf hingewiesen, dass der Spruch "Angst essen Seele auf " nicht indianischen Ursprungs ist, sondern ein arabisches Sprichwort. Auch im Film geht es ja um einen Marokkaner, darum ist es sinnig.

  • #3

    R.Greve (Sonntag, 14 Juni 2020 22:09)

    Hallo Frau Seibel,
    In Fassbenders Film geht es zwar um einen Marokkkaner. Deshalb ist es aber nicht zwangsläufig auch ein marokkanisches Sprichwort.
    Es handelt sich tatsächlich um eine alte indianische Weisheit, die noch durch die Weisheit. "Ein Feigling stirbt tausend Tode" ergänzt wird.
    LG
    R.G.