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Martin Heß: Das Virus wählt rechts!

Foto: Martin Heß, 2020, ohne Titel  //   

 

Nichts ist so politisch wie eine Epidemie. Da nicht der Einzelne sondern die Gemeinschaft der Bürger (gr. Polis) erkrankt, geht es auch alle Bürger etwas an und es wird die Mitwirkung jedes Einzelnen benötigt, um die Gesundheit wieder herzustellen. In etlichen Bereichen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens bringt die Pandemie dadurch gnadenlos alle Schwächen und Widersprüche der derzeitigen Ordnung und der darin handelnden Politiker zum Vorschein. Insbesondere im Lager derer, die man traditionell (gemäß der Sitzordnung in der französischen Abgeordnetenkammer von 1814) dem „rechten“ politischen Spektrum zuordnet. Betrachtet man die „Hitparade“ der schlimmsten Ausbrüche weltweit, liegen mit den USA, Brasilien, Russland und Groß Britannien vier rechts-national und populistisch regierte Länder an der Spitze. Das Virus wählt offensichtlich rechts. Warum ist das so?

 

Die den Rechten zuzuordnenden politischen Werte von Eigenverantwortung, Risikobereitschaft, Freiheit von staatlicher Gängelung, Erhalt des Bestehenden usw. sind ganz offensichtlich nicht sonderlich dazu angetan, zu dem disziplinierten und solidarischen Verhalten zu motivieren, das es braucht, um die einzig möglichen Gegenmaßnahmen ohne Impfstoff, nämlich Shutdown und Lockdown (sprich: Quarantäne) zur Wirkung bringen zu können. Populisten wie Trump und Bolsonaro unterlaufen sogar die Maßnahmen der eigenen Administrationen, machen sich mit den verantwortungslosen oder in Verschwörungsphantasien verstrickten, potentiellen Spreadern gemein, feuern sie mit  populistischem Kalkül sogar noch weiter an und treiben damit die Infektionszahlen in ihren Ländern in die Höhe.

 

Die Rechten sind für Lockerung des Lockdowns, die Linken für mehr Vorsicht. An dieser Stelle auf die Selbstverantwortung zu setzen, begründen Rechte allerdings nicht ideologisch, sondern mit dem Versuch, die Schäden der Quarantäne für die Wirtschaft zu reduzieren. Allein: Es funktioniert nicht. Gehen die Infektionszahlen hoch, entstehen große Schäden und dann geht die Wirtschaft ebenfalls in die Knie, nicht nur durch Quarantäne.

 

Es ist eben nicht so, dass man den Nutzen der einen mit dem Schaden der anderen Strategie verrechnen kann. Die Faktoren sind nicht unabhängig voneinander, sondern beeinflussen sich wechselseitig. Daher ist es auch nicht möglich, das Verhalten des Gesamtsystems vorherzusagen (also wann wie viele Infektionen es geben wird oder wo welcher wirtschaftliche Schaden oder Nutzen genau entsteht ...)  Es gilt das System zu „regeln“, nicht zu „steuern“, und das heißt nach den Ergebnissen vor zu gehen und nicht nach vorgefertigtem Plan. Für eine demokratische politische Kultur ist das eine brutale Zumutung, denn man erwartet von Politikern, dass sie zu ihrem Wort stehen, aber es funktioniert mit Hilfe der Autorität von Experten und einer halbwegs verantwortungsvoll agierenden 4. Gewalt, also umfassend und präzise informierenden Medien. Für autoritär Herrschende ist es keine Zumutung die Richtung zu wechseln, aber es funktioniert nicht: Die Leute ziehen nicht mit. Das Vertrauen fehlt.

 

Regeln statt steuern heißt eben auch umlenken können, korrigieren, rückgängig machen von Dingen, die gestern noch richtig waren, sich inzwischen aber als falsch erwiesen haben. Damit solcherart politisches Verhalten funktioniert, d.h. dass die Bevölkerung auch solche Bewegungen und Entwicklungen mit macht, braucht es ein enormes Maß an Intelligenz, gedacht als Lernfähigkeit, und Flexibilität, gedacht als Fähigkeit, veraltetes Wissen und Denken los zu lassen und neues zu akzeptieren. In diesem Zusammenhang von „Gruppenintelligenz“ zu sprechen kommt schon einer Vision gleich. Typischerweise ist die Masse dumm, zeigt eher „Schwarmintelligenz“. (Der Begriff bezieht sich auf Gemeinschaften, in denen das einzelne Subjekt keine wirkliche Willensfreiheit und Entscheidungsmöglichkeit hat, sondern sein Verhalten quasi durch die Nachbarn gesteuert wird, wie bei Fischen und Vögeln. Dadurch emergiert im Schwarm so etwas wie eine höhere Intelligenz, die sich im Zusammenwirken zeigt.)

 

Eine Epidemie ist ein Intelligenztest für die Gruppenintelligenz der Nationen. Wie lernfähig zeigt sich eine Bevölkerung und vor allem ihre Regierung? Dies wird zu einem entscheidenden Faktor. Die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse zum Virus selbst werden - und dieser positive Effekt der Globalisierung ist gar nicht hoch genug zu schätzen! - innerhalb einer sich selbst als weltweite Community definierenden Gemeinschaft von Wissenschaftlern permanent frei im Netz verfügbar gehalten. Die Virologen und Epidemiologen waren und sind in dieser Krise weltweit auf dem gleichen Wissensstand. Aber wie nun Regierungen und Gesellschaften darauf reagieren, das ist höchst unterschiedlich. Wie erfolgreich das jeweilige Regierungshandeln ist, sagen am Ende die Zahlen, Daten, Fakten hinter denen sich die Einzelschicksale mit ihrem Leid verbergen.

 

Daher ist es auch gar nicht so verwunderlich, dass zahlreiche Entwicklungsländer hinsichtlich dieser Zahlen gar nicht so schlecht abschneiden, wie aufgrund der schlechten gesundheitlichen und ökonomischen Bedingungen in diesen Regionen eigentlich zu befürchten war. Denn erstens war die wissenschaftliche Wissensbasis für alle gleich. Das Netz ist überall. Aber was - zweitens - den Umgang mit viralen Bedrohungen angeht, verfügen viele Menschen dort außerdem über ein Wissen, das in den Industrienationen vor der Pandemie so nicht vorhanden war. Sie haben ein besseres Gespür für die Sache, denn sie haben bereits Erfahrung mit anderen Seuchen.

 

Das alles könnte nun als Lehrstück herhalten für eine neue Entwicklungsstufe im globalen und zunehmend auch globalisierten Werte-Empfinden der Menschheit, für eine weltweite Nachjustierung des politischen Kompass’ bei Entscheidungsträgern und Bevölkerung, für einen Shift im globalen Denken, für einen Quantensprung der Noosphäre und viele andere, wunderbare Sachen. Denn wie in einem Bootcamp bekommen wir vom Weltgeist der Geschichte gerade ein paar Einsichten dazu vermittelt, was politisch unter den Bedingungen einer richtigen globalen Katastrophe zu erwarten wäre. 

 

Es wäre uns allen und unseren Nachfahren sehr zu wünschen, dass diese Einsichten Folgen haben werden und dabei helfen, die Menschheit vorzubereiten, auf die wirklich existentielle Krise, die uns noch bevorsteht und deren spürbare Vorboten die Bevölkerungen der Welt und das Denken der Menschen in diesen Jahren zum ersten Mal wirklich erreichen. Sollte sich diese Einsicht entfalten, so hätte die Corona-Krise noch etwas Gutes von einer Tragweite gehabt, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Sehr wahrscheinlich ist das allerdings nicht. Denn so intelligent und lernfähig der Mensch als Individuum auch ist, als Masse agiert er eher hirnlos.

 

Wir müssen lernen als Gemeinschaft zu lernen oder wir vernichten weiter unsere eigene Lebensgrundlage bis zum bitteren Ende. Gruppenintelligenz war schon immer wichtig. Jetzt ist sie überlebenswichtig. Es geht mir um nichts weniger als eine Utopie, um absichtliches, zielgerichtetes, genussvolles Lernen als Grundzustand einer Gesellschaft. Unabsichtlich lernen wir ja sowieso die ganze Zeit. Das Gehirn kann gar nicht anders. Dieses Lernen meine ich nicht. Sondern Pädagogik und privatwirtschaftliche Initiativen, Lehrpläne, akademische Programme, Kongresse, Online-Events, Festivals, Streams, Communities, Spiele, Software, Apps, ... in denen wir emotional erfahren und verankern können, mit unterschiedlichen Wertesystemen auf höherer Ebene zu kooperieren, nicht nur in der Tätigkeit, sondern im Geist, im Mentalen, im Bewusstsein, im Moralischen, im Emotionalen, kurz: als der zukunftsfähige Mensch, der wir werden müssen.

 

Martin Heß

 

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