· 

Sigrun Miller: Multiple Viruseinschränkungen

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Gerne denke ich zurück an die Spargelzeiten früherer Jahre, besonders die Festessen an den Freitagen. Während ich mich den ganzen Vormittag in Frankfurt zur medizinischen Behandlung aufhielt, hatte meine liebe Haushaltshilfe, Clara, das Haus, wie die Heinzelmännchen von Köln von oben bis unten saubergemacht. Anschließend wurde der Spargel geschält. Dann die köstlichen kleinen Kartoffeln gewaschen und aufgesetzt und der Tisch gedeckt. Schinkenröllchen kamen zuletzt auf den Tisch.

Clara kam von einem Bauernhof und der Freitag gehörte uns. Den Höhepunkt unseres Essens bildeten die Erdbeeren. Die waren in der Frühe als erste vorbereitet worden, gewaschen und gezuckert. In der Zwischenzeit kamen meine Kinder nach Hause.

"Hmmmm, ich könnte die halbe Schüssel binnen drei Minuten aufessen.“

O-Ton verwöhnter Kinder. Clara warf mir einen Blick zu, ich lächelte zurück.

Ursprünglich kam Clara aus dm Osten von Deutschland. In den 50-er Jahren, nach den unwiderstehlichen, verlockenden Erzählungen ihres Bruders entschied sie sich, in den goldenen Westen zu fliehen. Nicht wie viele andere mit der Bahn oder per Anhalter mit dem Lkw. Nein, mit einer Plastiktüte voll Klamotten, festgebunden auf dem Rücken, schwamm sie durch die Werra in die neue Welt. Der nächste Bauernhof nahm sie auf und behielt sie für ein halbes Jahr als Magd, Mit dem verdienten Geld machte sie sich auf, ihren Bruder zu suchen.

Schließlich fand sie auf ihrem Lebensweg ihren Wilhelm und heiratete in einen Bauernhof.

Bei schönem Wetter kam Clara freitags zu uns mit dem Fahrrad, wenn die Zeit drängte, nahm sie das Moped und im Winter musste der Traktor herhalten.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Clara jemals krank gewesen wäre. Trotz der schweren Arbeit auf dem Hof:  Morgens um vier Uhr Kühe melken, Stall ausmisten, Schweine füttern, Hühner füttern, aufs Feld Rüben hacken, abends Vieh versorgen  und Haushalt planen, auch für den nächsten Tag. Ihren kleinen Sohn sah sie fast nie, er wurde von den Tanten versorgt. 

Aber freitags? … Da gehörte Clara uns!

 

Ein schöner, geruhsamer Lebensabend? War ihr nicht vergönnt! Ihr Mann und ihr Sohn wurden ihr schon früh von einer bösen Krankheit genommen. 

Es war notariell festgelegt worden: Clara hat lebenslanges Wohnrecht in dem Haus, wo sie ihr Leben verbracht hatte. Das passte ihrer Schwiegertochter, der jungen Witwe nicht. Clara glaubt, weil sie die Wohnung wollte.

Die Schwiegertochter überzeugte sie von der großen Gefahr, die einer alten, ungeschützten Frau drohe, wenn sie den ganzen Tag allein in ihrer Wohnung sei. Und sie könnte vielleicht vergessen, den Herd abzustellen, und die Haustür zu verschließen.

Und wer ginge mit dem Hund?

Und überhaupt: Die Lebensgefahr, die überall wegen Covid-19 lauere!

So ein Pflegeheim sei so angenehm, wo man sich liebevoll um sie kümmere!

Ja, Covid-19 eignet sich auch vorzüglich, eine alte einsame Frau zu verunsichern und schließlich loszuwerden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0