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Martin Heß: Bleibt unvernünftig, es gibt wichtigeres!

Foto: Martin Heß, 2020, Nash-Gleichgewicht

 

Wenn man – als Studierender zum Beispiel – zum ersten Mal von der mathematischen Spieltheorie hört, ist man in aller Regel sofort fasziniert, auch ohne zu wissen, worum es sich dabei handelt. Allein der Titel birgt schon die unerwartete Verheißung einer Möglichkeit für normalbegabte, kopfrechenschwache Sozialwissenschaftler irgend wie da durch zu kommen, durch die symbolische Welt der Präzisionsdenker und Abstraktionsathleten, so als würde das schwere jetzt leicht, als öffneten sich neue Freiheiten und Spielräume, dort wo vorher nervtötende Strenge, Komplexität und Konsequenz regierten. Und möglicherweise keimt sogar die Hoffnung, auch die ersehnte Zuflucht für einen gewissen Schlendrian lasse sich dort finden. Um so bitterer das spätere Erwachen! Das schiere Gegenteil ist nämlich der Fall … Es handelt sich um pure Mathematik. Was für ein Etikettenschwindel!

 

Ist bei Schiller noch der Mensch „nur da ganz Mensch, wo er spielt“, so führt die mathematische Spieltheorie nichts weniger als seine (theoretische) Abschaffung im Schilde und das mit Hilfe ausgefeiltester Gleichungen. Sie ist eine rationale Entscheidungstheorie, die von den unscharfen, spielerischen Anteilen des Menschen mit all seinen Erwartungen, Motiven, Werten, Begrenzungen, Phantasien und Emotionen völlig absieht und ihn sich als vernunftgesteuertes und rein am Eigennutz orientiertes Subjekt denkt. Außerdem handelt die Spieltheorie immer vom Zusammenwirken mehrerer Menschen, ja auch von den Vielen, auch von der Masse. Es ist DIE soziale Theorie für eine Seuche und deren Eindämmung. Zum Glück hat sie mit der Wirklichkeit nicht allzu viel zu tun.

 

Nach der Spieltheorie handeln bei einer Seuche immer die Trittbrettfahrer am vernünftigsten, oder sagen wir besser am cleversten. Argumentiert man rein rational, kann man zum Beispiel sagen, dass es unvernünftig sei, ein – wie kleines auch immer – Impfrisiko einzugehen, wenn ohnehin Herdenimmunität herrscht, da genügend andere sich impfen lassen. Im Falle eines Lockdown wäre es demnach am klügsten, den zu unterlaufen – sich aber nicht dabei erwischen zu lassen, wie jüngst der britische Regierungsberater Cummings, der infiziert auf`s Land fuhr und seine Eltern besuchte. „Lass die Anderen sich sozial verhalten und konzentriere Dich nur auf Deine Interessen und wenn schließlich jeder nur an sich denkt, dann ist ja an alle gedacht, nicht wahr?“ Dieses Leitmotiv der bekennenden Egoisten zeigt seine menschenfeindliche Fratze in solch einer Pandemie mit erschreckender Schamlosigkeit, aber enthüllt auch - wie in einem sozialpsychologischen Lehrstück - gnadenlos die verheerenden Auswirkungen für das gesamte System.

 

Und das ist aus spieltheoretischer Sicht auch so zu erwarten, dass es am Ende nämlich alle tun und die Quarantäne zusammenbricht wie derzeit zum Beispiel in Russland. Handelt also der Mensch tatsächlich durch die Bank auf diese amoralische Weise rational, würde es nicht funktionieren mit der Bekämpfung der Pandemie, es gäbe keine Herdenimmunität. Was nun? Die Akteure sitzen in einem Dilemma. Eine typische spieltheoretische Situation, die sich in der Praxis aber zum Glück nur teilweise so entwickelt, wie es die Theorie voraussagt. Ein Teil der Bevölkerung verhält sich so, tritt nur für den Eigennutz ein, nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ bzw die Infektionswelle. Aber nicht alle. Bei weitem nicht alle! Die Amoralischen sind eine kleine Minderheit. Die Mehrheit entscheidet eben nicht nur nach Kopf, sondern auch nach Bauch, nicht nur nach Profit, sondern auch nach Moral, nicht nur nach Verstand, sondern auch nach Herz. 

 

Und das funktioniert in echten Demokratien einfach am besten, weil dort die Menschen auch gefühlt Teil einer Gemeinschaft sind und daran gewöhnt, mit der „Herde“ im Sinn zu handeln, auch wenn das eigene kleine Tun überhaupt keinen wahrnehmbaren Unterschied im Großen und Ganzen zu machen scheint, wie etwa bei Wahlen. Man handelt dennoch so, als machte es einen Unterschied, also im Grunde unvernünftig, doch da das viele tun, kommt halbwegs etwas gescheites dabei heraus. Die vier Spitzenplätze nach Infektionen und Toten nehmen nicht zufällig mit den USA, Brasilien, Russland und GB vier Länder ein, die undemokratisch bzw rechts-populistisch regiert werden. Das Virus zeigt, welche Regierungen in der Lage sind, ihre Wähler zu schützen und für sie zu sorgen. Die Rechts-Populisten predigen die Eigenverantwortung, Entsolidarisierung und Entmachtung des Staates. Die Krise zeigt jetzt, was das wert ist: Nichts.

 

Martin Heß

 

 

 

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