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Antje Lilienthal: Locker leben - aber wie?

Foto: privat
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Meine Tante Gerda wurde im April 89 Jahre alt. Sie lebt allein in ihrem Häuschen und hatte, als ich mit ihr sprach, seit 6 Wochen niemanden getroffen. Nicht einmal am Grab ihres verstorbenen Mannes war sie gewesen. Ihre Kinder hatten ihr die Einkaufstüten vor die Tür gestellt und ansonsten mit ihr telefoniert. Bei ihrem klaglosen Bericht hatte ich ein Grummeln in der Magengegend. „Ist es das wirklich wert?“ Heute stellen wir uns andere Fragen. Etwa, ob Christian Lindner seinen weißrussischen Kollegen im überfüllten Promi-Lokal Borchardt auch noch vor aller Augen umarmen muss? Sein Parteifreund Wolfgang Kubicki hätte eine rüde Antwort parat. „Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben“, sagte er kürzlich bei Anne Will. Muss er wohl auch, wenn Schule macht, was innerhalb weniger Tage in Berlin, in der Baptistengemeinde in Frankfurt und in einem Gasthaus im norddeutschen Leer passiert ist. Also, Tante Gerda, zurück in Deine vier Wände, damit das Leben draußen munter weitergehen kann!

Je munterer, desto wohler fühlt sich auch das Virus. Bei dem Gottesdienst in der Frankfurter Baptistenkirche am 10. Mai war es zu einem Corona-Ausbruch gekommen. Es wurden keine Mundschutzmasken getragen. Und es wurde kräftig gemeinsam gesungen, wie die Verantwortlichen nach anfänglichem Abwiegeln einräumten. Im „Nachhinein betrachtet“ wäre diesbezügliche Vorsicht aber „angebracht“ gewesen. Das verschlägt einem schon die Sprache. Soll das etwa heißen, man hat sich vorher dazu keine Gedanken gemacht? Alle Fakten zu diesem Thema liegen schließlich schon lange auf dem Tisch. Bisher wurden in diesem Zusammenhang insgesamt 107 Menschen infiziert, 26 neue Fälle davon in der Wetterau: in Rosbach, Rodbach und Karben. Somit nimmt das Infektionsgeschehen jetzt vor unserer Haustür Fahrt auf. Dabei war es hier bisher recht glimpflich verlaufen, wofür wir in Anbetracht der vielen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sehr dankbar waren. Jetzt betreiben Landrat Jan Weckler und Gesundheitsdezernentin Stephanie Becker-Bösch gemeinsam mit den Bürgermeistern der betroffenen Städte Krisenmanagement. Sie warnen angesichts dieses Corona-Ausbruchs davor, die Lockerungen zu leicht zu nehmen.

Seitdem uns wieder verschiedene Möglichkeiten offenstehen, befürchte ich solche Gaus. Weil der Virus lebt, frage ich mich immer wieder, welches Leben ich jetzt führen möchte. Der aufgeschobene Zahnarztbesuch muss jetzt unbedingt sein. Auch ein frischer Haarschnitt ist nötig. Aber das Schweizer Milchhäuschen, in das mich meine Bekannte einlädt? Als ich Adresse, Telefon- und Tischnummer angebe, weil ja sein könnte, dass ein Corona-Infizierter am Nachbartisch sitzt, vergeht mir der Appetit, und ich trinke nur schnell einen Cappuccino. Schade, aber heute ist es mir das schöne Plätzchen nicht wert.

Ein Besuch bei Freunden? Gerne, aber bitte nur draußen. Ein Treffen mit meiner Schwester, die ich schon so lange nicht gesehen habe? Hoffentlich klappt das endlich! Auch wenn dies mit einer Zugfahrt verbunden ist. Ich werde die Rush Hour vermeiden und mir vielleicht sogar ein 1. Klasse-Ticket gönnen. Urlaub mit Mundschutz und Plexiglas am Strand? Nein, danke!  Mein Ehrenamts-Job? Klar, wenn die Hygienemaßnahmen von allen strikt eingehalten werden.

Es ist ein ständiges Abwägen. Was ist mir meine Gesundheit und die meiner Nächsten wert? Welches Risiko wage ich? Manche können manches nicht wählen, etwa weil sie arbeiten müssen. Andere halten sich strikt an die Regeln und nehmen  jede Lockerung dankbar mit. Einige gehen sogar ein absichtliches Ansteckungsrisiko ein, damit sie endlich wieder ihre Ruhe haben und tun und lassen können, was sie wollen. So harmlos scheinen mir die Optionen nicht zu sein. Da halte ich es lieber mit der Risikominimierung. Aber wann sage ich stopp und wann sage ich ok?

Ich gebe Wolfgang Schäuble recht, letztendlich gibt es kein würdevolles Leben ohne Risiko. Überleben reicht nicht zu einem „guten Leben“. Diesen Begriff prägten schon die alten Griechen. Und manchmal hilft ein Blick auf ihre Weisheiten, um für sich einen kleinen privaten Coronakodex zu entwickeln. Der rege Austausch mit anderen Menschen gehört für Sokrates zu einem guten Leben. Umarmung mit Gästen bei Borchardt oder anderswo muss demnach nicht unbedingt sein. Für ganz wichtig erachtet der antike Philosoph das Hören auf die innere Stimme. Sie sagt mir, dass ein weiterer Aufschub des Zahnarztbesuchs Zahnschmerzen bedeutet. Und die gehören nicht zu einem guten Leben. Der Plausch mit einer Freundin am Kaffeetisch ist nicht entscheidend, wenn ich es mir mit ihr auf einer Parkbank nebenan genauso gemütlich machen kann. Vor allem sagt mir meine innere Stimme, Vorsicht bei Gruppenereignissen, so schön sie auch sind. Denn der Weg in die Immunität via Privatparty oder ungenügend geschützten Veranstaltungen soll genauso wenig mein Weg sein, wie der von Tante Gerda in die Isolation ihrer vier Wände.

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