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Susann Barczikowski: Unterwegs in Corona-Deutschland


Ich bin ein Reisewunder, sagen meine Freundinnen. Wann immer es geht, packe ich meinen Koffer und bin weg. So auch in diesen Zeiten. Die innerdeutschen Grenzen sind offen, das Wetter ist super und die Nordsee lockt. Klamotten für ein paar Tage Auszeit sind schnell gepackt und los gehts: Von Bad Nauheim durch Corona-Deutschland. Durch Seuchengebiete. Ich habe das Gefühl, ich breche zu einer Expedition auf, die unbekannte Gefahren birgt. Hessen gilt bisher aufgrund der offiziellen Infektionszahlen als relativ sicher. Aber Nordrhein-Westfahlen? Der Hotspot Heinsberg machte dieser Tage erneut auf sich aufmerksam. Dieses Mal ist es ein Paketzentrum, wo sich verhältnismäßig viele Menschen infiziert haben. Wir beschließen, in NRW keinen Stop einzulegen, sondern durchzufahren.
Wie schön Deutschland ist, denke ich, aber auch wie angeschlagen die Natur doch ist. Die Wälder sind von der Trockenheit der letzten Sommer gezeichnet und der Borkenkäfer hat weite Schneisen in den Baumbestand genagt. Und wie immer sind auf der Autobahn die Raser unterwegs. Freie Fahrt für freie Bürger. Wäre nicht längst ein Tempolimit angesagt? Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) forderte im April 2020, ein Tempolimit von 100 beziehungsweise 120 km/h auf Deutschlands Autobahn und eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 km/h außerorts einzuführen – auch um Ärzte und Krankenhäuser in der Pandemie zu entlasten. Aber die Autoindustrie und das Verkehrsministerium bleiben bei ihrem Nein. Auf welche Erkenntnisse sich das Ministerium dabei stützt, teilte es jedoch nicht mit. Kennen die Verantwortlichen die Studien zu Fahrverhalten (Tempo) und Auswirkungen auf die Umwelt nicht, zu schweren Verkehrsunfällen, die durch ein Geschwindigkeitslimit verhindert werden könnten?
Mittlerweile haben wir Niedersachsen erreicht. Die Schlagzeilen vermelden 92 Neuinfektionen in einem Schlachthof bei Osnabrück. Die Infizierten lebten in Sammelunterkünften in menschenunwürdigen Verhältnissen. Fatalerweise begegnet uns just in diesem Moment ein Lebendtier-Transporter, quer durch Deutschland unterwegs, um hier irgendwo seine Fracht loszuwerden. An der Theke der Autobahntankstelle wird eine Riesenbockwurst zum Preis von 1,99 € angeboten. Kann dieser Preis realistisch sein? Das arme Schwein, denke ich. Und dann denke ich auch an die armen Menschen, die in irgendwelchen Schlachthöfen unter miesesten Bedingungen zu niedrigsten Löhnen diese armen Kreaturen zu Fleisch und Wurst verarbeiten müssen – inklusive Gesundheitsrisiko. Natürlich auch für den Verbraucher!
Für die Grünen ist dies Anlass, eine grundlegende Reform der Fleischproduktion zu fordern: Bessere Haltungsbedingungen für die Tiere, eine angemessene Bezahlung für die Mitarbeiter und mehr staatliche Kontrollen in Schlachthöfen und verarbeitenden Betrieben. Das Corona-Kabinett der Bundesregierung hat die Beratungen dazu auf Mittwoch verschoben. Ob Julia Klöckner dann zu wirklichen Veränderungen bereit ist, bleibt abzuwarten. Der Bauernverband hält die Reformen bisher für nicht zielführend.
Endlich am Meer. Der Wind weht mäßig. Eine Möwe gleitet durch die Abendluft. Dass auch hier die Welt nicht mehr in Ordnung ist, zeigt sich am verwaisten Strand. Die Promenade ist wie leer gefegt und am Strandcafé hängt das Schild: „In der Corona-Krise keine Bewirtung“.

Foto: privat

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