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Petra Ihm-Fahle: Die neue Fülle

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Das Thema hat gerade noch gefehlt, oder? Ich halte dagegen: "Was sein muss, muss sein." Schließlich war es besonders wichtig für uns, zumindest eine Zeit lang, genügend weißes Gold vorrätig zu haben. Bewusst spreche ich das böse H-Wort nicht aus (Hamstern). Klar, wir haben alle nicht geh..., sondern nur ohnmächtig zugeschaut, wie die anderen geh... haben. Perplex standen wir im Discounter unseres Vertrauens vor dem leeren Regal, kauften stattdessen Tempotaschentücher und Küchenrolle. Ablenkung bot kurze Zeit der Nebenkriegsschauplatz Hefe. 

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Ich weiß noch gut, welches Glück es bedeutete, als eines Abends meine Lieblingsverkäuferin eine Packung Klopapier exklusiv für mich aus dem Lager brachte. Sie sprach leise, wie eine Verschwörerin: "Warten Sie. Wir haben."

Auf der Jagd nach dem Schatz fuhr ich eines Tages sogar in Hammersbach im Gewerbegebiet ab, als ich wegen etwas anderem in der Gegend war. Ich ging in den Aldi und brachte eine Zehnerpackung Klopapier mit nach Hause, stolz, eine vermeintlich gute Quelle zu haben. Oft auch amüsierte ich mich über die Witze und lustigen Einfälle, etwa die Klopapiertorte.

Irgendwann kaufte ich bewusst nix mehr. Erst aufbrauchen, sagte ich mir.

Und nun? Ich gehe alle drei Tage in den Discounter und sehe, wie langsam Normalität zurückkehrt. Das leere Regal gehört offenbar der Vergangenheit an. Es füllt sich mehr und mehr, je stärker es in der City wimmelt, je öfter wir die Maske vergessen. Ganz analog zu unseren Straßen kommt im Geschäft das Klopapierregal daher.   

Vor ein paar Tagen war es sogar richtig voll. Das enttäuschte mich fast, da ich ein halbleeres Regal für meinen Blogbeitrag fotografieren wollte. Denn ich wollte zeigen, dass die Normalität "halb" wieder da ist.

Keine Normalität zu haben oder nur eine halbe, das hatte was. Nicht für jeden natürlich, es gibt viel Tragik. Job- oder Auftragsverlust. Finanzielle Sorgen. Enges Aufeinanderhocken. Krankheit, Angst vor dem Tod.

Aber es war auch eine gemächliche Zeit. Man hatte Muße für vieles, das bis dahin brach lag. Morgens mal länger schlafen, neue Ideen entwickeln. Ich habe diese Aspekte insgeheim genossen.

Und nun ist das Klopapier-Regal wieder voll. Einfach so. Ich fasse es nicht, horche in mich hinein. Was macht das mit mir? Macht sich nun Leere in mir breit statt im Regal? Was würde Heß dazu sagen, äh, Freud? Vermutlich "Was assoziieren Sie?"

So befragt, denke ich, der psychologische Kern sind Werte wie Ordnung und Sauberkeit. Sie vermitteln Stabilität, ganz simpel.

Blatt für Blatt, Rolle für Rolle.

Nun muss ich überhaupt mal schauen, wie es mit meinem Vorrat aussieht: Huch, nur noch ein kleines Päckchen? 

Das ist jetzt aber nicht wahr, oder? Fürchte doch, bin dann mal einkaufen ... 

 

WISCH me Luck! 

Bild: Petra Ihm-Fahle
Bild: Petra Ihm-Fahle

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Kommentare: 1
  • #1

    Martin (Mittwoch, 20 Mai 2020 21:10)

    Danke für den Versprecher ;-) der Text macht Spaß, sicher nicht nur mir ... Und bei der Deutung schließe ich mich Dir an: Ordnung und Sauberkeit, zentrale Werte, vermitteln Sicherheit. Solch eine Hygiene wird gewiss in die Analen eingehen! ;-) Und jetzt braucht man auch keinen mehr Schiss haben! ;-))