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Martin Heß: Viren machen an der Grenze halt

Foto: Martin Heß, 2020, Schafe bei Usingen

Eine Epidemie ist eine systemische Krankheit. Nicht das Individuum ist der Patient, sondern die Gemeinschaft, von Epidemiologen fachgerecht „die Herde“ genannt. Die Epidemie zu stoppen, erfordert keinen Impfstoff und kein Heilmittel, sondern lediglich die Auflösung der Herde, „soziale Isolation“ genannt. Keine Herde, keine Epidemie. Ganz einfach im Prinzip. Aber wie jede wirksame Therapie so hat auch diese ihre Nebenwirkungen, obwohl sie wirkstofflos ist. Und das sind unter anderem Kosten. Bei einem Erdbeben fallen diese hinterher an, bei der Epidemie sofort.

 

Epidemiologen und Virologen haben den Fokus folglich bei Infektionskrankheiten auf dem  interpersonalen Raum. Dort entscheidet sich das Schicksal der Epidemie. Es geht um das, was zwischen den Menschen geschieht, weniger um das, was im Menschen passiert. Welche Organe angegriffen werden, wie das Virus sich im Organismus verhält, all das, was in der Medizin, wie sie der Laie kennt, im Mittelpunkt steht, ist hier nicht so interessant, wie die Übertragungswege und Reproduktionsraten, die Zahlen der Infizierten und die der Genesenen.

 

Es geht darum, wie Menschen sich als Gruppe verhalten. Der Einzelne fällt kaum ins Gewicht. Ein paar tausend mehr oder weniger verwirrte Trittbrettfahrer, die von den Selbstbeschränkungen der anderen profitieren (wollen), ohne sich selbst einzuschränken, steckt so eine Masse infektionsmäßig gesehen problemlos weg, wenn die Nachverfolgung der Fälle gewährleistet ist. Politisch und moralisch ist so ein Verhalten natürlich nicht zu rechtfertigen. Jedenfalls nicht ohne weiteres.

 

Und deshalb müssen die Trittbrettfahrer einer mehr oder weniger glaubwürdigen Coverstory folgen, um ihr asoziales Verhalten vor den Anderen - aber vor allem vor sich selbst! - zu rechtfertigen. So ist der Mensch. Das weiß die Psychologie schon seit einigen Jahrzehnten: Passen Denken und Handeln eines Individuums nicht zusammen, erlebt es eine „kognitive Dissonanz“, die es typischer Weise nicht dadurch auflösen kann (wenn das Handeln in der Vergangenheit lag zum Beispiel) oder will, dass dieses Handeln angepasst, korrigiert und die Integrität wieder hergestellt wird. Nein, der Mensch macht‘s umgekehrt, wehrt Selbstzweifel und Ängste ab und denkt sich die Welt, wie sie ihm gefällt!

 

Menschen passen ihre mentalen Modelle - und dazu gehört vor allem das Selbstmodell - in solchen Situationen ihrem Verhalten an.  Das wissen erfolgreiche Diktatoren ebenso wie militärische Ausbilder und Sektenführer/innen: Man muss Menschen nicht erst überzeugen, damit sie etwas machen, was Ihnen eigentlich gegen die Natur geht, sondern man muss sie nur dazu bringen, entsprechend zu handeln (z.B. eine Uniform anziehen, den Namen verändern, Lieder singen ...), dann überzeugen sie sich in der Folge ganz alleine von der Richtigkeit ihres Tuns.  

 

Die Herde ist erkrankt und will man die Krankheit bekämpfen, muss diese Herde zunächst einmal definiert werden, denn alle Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung beziehen sich auf sie. Das psychologisch interessante an einer Pandemie ist, dass hier eigentlich die gesamte Menschheit als Herde gilt, also in der größtmöglich Form zu definieren wäre, wenn man den Fakten folgte, während die einzig bekannten wirksamen Maßnahmen, Quarantäne, Shutdown und Lockdown einer so großen und direkten politischen Durchsetzungskraft bedürfen, dass das nur vor Ort, also von regionaler politischer Institution geleistet werden kann. "Global denken, lokal handeln" in seiner unideologischen Form. Richtig ist, dass bei Seuchen föderale Systeme ihre Vorteile zum Tragen bringen können. Je direkter die Macht bei den Adressaten angesiedelt ist, desto größer die exekutive Kraft. Die richtig schmerzhaften Sachen wie Absagen von Veranstaltungen, Schließung von Geschäften, müssen die Bürgermeister und Gesundheitsämter unten selbst durchdrücken. 

 

Daher war es absolut sinnvoll gehandelt durch Staaten, die Grenzen zu schließen, denn nur so lassen sich Maßnahmen definieren und durchsetzen, auch wenn sich hier viele z.B. eine stärkere europäische Einheit gewünscht hätten. Aber die Macht, die Brüssel über den einzelnen Bürger ausüben kann, ist einfach zu schwach für solche Zumutungen wie den Lockdown. Der vielfach bemühte Politikerspruch vom Virus, das "nicht an der Grenze halt" mache, ist schlicht falsch. (Wieder einer von diesen glatten, eingängigen Polit-Slogans, die nur so lange stimmen, bis man einmal darüber nachdenkt ...)  Natürlich macht das Virus an der Grenze halt!  Nämlich dann, wenn die Menschen an der Grenze halt machen. Das Virus ist eben NICHT die große gegnerische Macht, die uns von irgendwo außerhalb bedroht. Das Virus ist in uns. Wir sind das Virus.

 

Martin Heß

 

 

 

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