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Antje Lilienthal: Corona-Chor

Der gespenstische Schleier über unserem Städtchen hat sich wieder gelüftet. Kinder jubeln auf den Spielplätzen und die Alten plaudern Mund-Nase-geschützt in der Sonne auf den umliegenden Bänken. Manche, so höre ich, weinen vor Freude über wieder erlaubten Besuch im Altenheim oder im Krankenhaus. Das ist gut so. Diese Gruppen haben unmittelbar am meisten unter den Einschränkungen gelitten. Weil sie am stärksten auf Kontakt angewiesen sind und weil sie die wenigsten Möglichkeiten haben, sich mental auf eine komplett neue Situation einzustellen.

 

Es ist einiges in unserem Alltag lockerer geworden seit Anfang Mai. Und seitdem die Verantwortung für die Aufhebung der Einschränkungen an die Landesregierungen und Landkreise gegangen ist, purzeln die Verbote unterhalb einer von den Epidemiologen vorgegebenen roten Linie Schlag auf Schlag. Als Begleitmusik ertönt ein vielstimmiger Chor: Mittlerweile schwächer zu hören sind die Warner und Mahner aus der Wissenschaft. Deutlicher vernehmbar sind Stimmen aus Politik und Wirtschaft, die unverzüglich weitere Lockerungen fordern. Und ganz besonders schrill ertönen die Stimmen einer neuen Bewegung, die es zu Tausenden gegen eine „Hygienediktatur“ auf die Straßen zieht – häufig ohne Mundschutz und ohne Abstand.

 

Nur einer bleibt still und leise. Für viele scheinbar im Hintergrund verrichtet der Corona-Virus weiter seine Arbeit – dank all der Vorsichtsmaßnahmen Gott sei Dank deutlich langsamer als zuvor. Er ist nicht weniger gefährlich geworden. Im Gegenteil, man erfährt gerade, dass er diverse menschliche Organe langfristig schädigen kann, sogar das Gehirn. Und man hört, dass in New York auch Kinder an Herz-Kreislauf-Zusammenbrüchen infolge von Covid-19 sterben. In China kämpft man seit einigen Tagen gegen die Bildung erneuter Infektionsherde. Weder Medikamente gegen den Virus noch ein Impfstoff sind in Sicht.

 

Solche Informationen vermögen den Lebenshunger vieler in ihrer Bewegungsfreiheit Eingeschränkter - in Deutschland nicht Eingesperrter! - kaum zu bremsen. Im Vorzeigeland Bayern sollen schon bald die Biergärten wieder geöffnet werden. Hoffentlich nur im Außenbereich! Denn gerade hier hat sich der Virus im März bei Starkbierfesten putzmunter verbreitet. Vor den Fitnessstudios drängeln Menschen, die ihre Muskeln stählen wollen und in den Einkaufszonen Scharen von Kauflustigen. Politisierte schwadronieren auf den Straßen unserer Großstädte von Grundrechten, die sie sich nicht nehmen lassen wollen. Und nicht eine verständliche Sorge um eine ungewisse wirtschaftliche Zukunft steht im Vordergrund der Parolen. Nein, allen Ernstes wird behauptet, dass man von Corona gar nichts gemerkt hätte, wenn der Virus nicht von Wissenschaftlern identifiziert worden wäre. Oder dass er erfunden wurde, damit Bill Gates, unterstützt von Angela Merkel, hier bald mit Zwangsimpfungen und einem Mikrochip die Macht übernehmen könne. Dankbar greifen die Menschen nach solchen Erklärungsmustern von Verschwörungstheoretikern und Populisten. Sie dienen als willkommene Legitimation dafür, nichts ändern müssen. „Wir wollen unser Leben zurück“, war auf einem Plakat von Demonstranten zu lesen. In dieser deprimierenden Pandemie ein verständlicher Wunsch.

 

Aber wir sind keine Kinder mehr. Nur sie können unbeschwert so weitermachen wie bisher - wenigstens solange ihre Eltern nicht in Sicht sind. Alle anderen sollten den lautlosen Gegner im Auge behalten. Er wird erneut zuschlagen, wenn wir beim Genuss der wieder gewonnenen Freiheiten in unserer Vorsicht nachlassen. Schlagen wir die Warnungen in den Wind, könnte der Corona-Schleier schon wieder bald über unseren Städten heruntergelassen werden. 

Bild: Petra Ihm-Fahle

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Kommentare: 1
  • #1

    Chris Dietz (Sonntag, 17 Mai 2020 17:04)

    Gerade heute habe ich in der Gruppe Bad Nauheim aktuell einen kleinen Beitrag veröffentlicht der meinen derzeitigen traurigen Zustand von Traurigkeit nach der Lockerung zeigen sollte aber die Meisten haben mich missverstanden. Es ging mir mehr um eine allgemeine Angst , auch wahrscheinlich hervorgerufen von der Presse und Internet. Am Bedrückendsten finde ich diese ganzen Aussagen der verschiedensten Experten und der Verschwörungstheorien. Ich vermisse jemanden wie es als Kind mein Vater war , der wie auf einem Podest steht und die ganzen Maßnahmen in einer Hand hält und zumindest für Deutschland in Sachen Corona zuständig ist . Einen dem man vertrauen kann und eine Linie findet . Das wünsche ich mir in all dem Dschungel. Das wäre etwas Beruhigung
    Auch im Fernsehen müßte nicht jedem , der 2 zusammenhängende Sätze sprechen kann, eine Bühne gegeben werden . All das verwirrt, selbst in der Familie. Ich bin kein Kind mehr mit Märchenwünschen, ich bin 75 Jahre alt