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Susann Barczikowski: Vorsicht! Normalität

Ende vergangener Woche habe ich mir das erste Mal seit langem in der Stadt einen Kaffee to go gegönnt. Diesen habe ich mit Genuss am Aliceplatz getrunken, mit Abstand zu den vielen anderen, die nach den schweren Wochen das schöne Wetter genießen wollten. Endlich ein bisschen Normalität, was in mir ein Gefühl der Freiheit hervorgerufen hat. Unglaublich, wie beengt und eingeschränkt ich mich bislang gefühlt habe. Doch Vorsicht! Ist diese Normalität in diesen Zeiten trügerisch?
Halten wir genügend Abstand? Sitzt mein Mund-Nasen-Schutz richtig? Hätte ich jetzt doch auf das etwas längere Gespräch mit der Verkäuferin am Marktstand – trotz Maske auf beiden Seiten – verzichten müssen? Kann ich mich auf mein Gefühl verlassen, dass das, was ich tue, in Ordnung ist und mit Freunden einen Kaffee trinken?
Wir alle beobachten und erleben, dass seit ein paar Tagen wieder viele Menschen in der Öffentlichkeit nah aufeinander treffen. Es gibt volle Fußgängerzonen und überfüllte Baumärkte. Ist das normal in unserer „neuen“ Normalität?
„Die Verantwortung liegt bei jedem selbst“, meint eine Freundin. Die Leitlinien sind da, aber was jeder einzelne daraus macht, liege im eigenen Ermessen. Und dazu gehört eben auch das Schwätzchen in der Fußgängerzone und der Kaffee to go. 
Die meisten Menschen, die ich kenne, gehen sehr umsichtig mit den Lockerungen um. Es gibt offensichtlich so etwas wie eine kollektive Erkenntnis, dass die Verantwortung bei jedem einzelnen liegt und wir alle Sorge für unsere Mitmenschen tragen. Wenn wir vorsichtig und verantwortungsvoll in der Krise miteinander umgehen, kann die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus weiter gebremst werden.
In Deutschland sind laut Johns-Hopkins-Universität über 7.600 der Infizierten verstorben. Seit mehr als zwei Wochen sinkt aber zum Glück die Zahl der aktuell Infizierten. Das bedeutet, es werden mehr zuvor an Covid-19 erkrankte Menschen wieder gesund. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus ist durch die vielen Maßnahmen (Shutdown und Kontaktverbote) langsamer geworden. Man geht derzeit von einem Wachstum der aktuellen Fallzahlen von unter eins (R= Reproduktionszahl 1) aus, d.h. ein Infizierter steckt (nur noch) einen Menschen an. Das macht Hoffnung, die nicht verspielt werden darf. Wird R größer, müssen wir mit einem stärken Anstieg an Infektionen rechnen, was für die Gesudheitseinrichtungen dramatisch wäre!! Vorsicht ist also geboten. Denn an eine Normalität mit dem Virus werden wir uns gewöhnen müssen.
Die Wissenschaft ist im Moment in einer Phase der Erkenntnissammlung. Ob unser jetziges Verhalten richtig ist, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Denn noch beruht vieles auf Annahmen und Spekulationen. Dazu gehören auch die Erkenntnisse über unser Verhalten und die damit verbundenen Auswirkungen.
In Brüssel gibt es übrigens schon jetzt Automaten, die statt Süßigkeiten Masken ausspucken - für den Fall, gerade keine parat zu haben.

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