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Claudia Biedenkapp: Not-Wenden in Zeiten von Corona

Bild: Claudia Biedenkapp
Bild: Claudia Biedenkapp

Spontan zu verreisen, Freunde einladen oder jemanden zu umarmen, den man lange nicht gesehen hat, das war gestern. Seit dem Shutdown zeigen die meisten von uns Besonnenheit. Wir brauchen dieses gewisse Maß an Ruhe, um unseren Alltag nicht nur von Corona bestimmen zu lassen. Noch wichtiger aber scheint mir Kraft, Geduld und die Hoffnung, dass unsere Politiker wissen was sie tun, denn einige unter unseren Mitmenschen wissen es offensichtlich nicht.

 

Der Mittelhessen-Bote berichtete am 25. April 2020 auf Seite 2, dass die Anzahl der im Wetteraukreis an Covid-19-Verstorbenen von 7 auf 11 Personen gestiegen ist. Alle seien über 80 Jahre alt gewesen und hätten an Vorerkrankungen gelitten. Die Statistik zeigt 260 nachgewiesene Infektionen. Wenn ich davon ausgehe, dass die Einwohnerzahl des Wetteraukreises weit mehr als 305.000 beträgt, sind diese Zahlen, selbst mit Hinblick auf eine Dunkelziffer, noch kein Grund zur Beunruhigung. Wenn Corona nur nicht so nah wäre. Freunde, die ein paar Straßen weiter wohnen, sind schwer erkrankt. Uns bleibt nur zu hoffen, dass sie beide gesund werden.

In den letzten Wochen dachte ich oft an meine Großeltern, deren Leben durch zwei Weltkriege geprägt war. Mühsam erreichter Wohlstand konnte über den 1. Weltkrieg gerettet werden, fiel aber 10 Jahre später der Weltwirtschaftskrise zum Opfer und stürzte die Familie meines Vaters in den Ruin. Kaum vorstellbar, dass mein Vater mit 17 Jahren in den 2. Weltkrieg zog und von Kriegsgefangenschaft gezeichnet nach Deutschland zurückkehrte. In seinem Elternhaus in Liegnitz wohnten andere Menschen. Ein Soldat hatte seinen Vater erschossen, weil er sich weigerte zu gehen. Wie viel Zerstörung, Schmerz und Verlust die Generationen vor uns ertragen haben, wissen die meisten von uns nur aus Überlieferungen. Nun schreiben auch wir ein Stück Zeitgeschichte, das in mancher Hinsicht seine Opfer fordern wird. Doch etwas ist anders: Wir erleben weder Bombenhagel, Flucht noch Hunger – wir erleben ein heimtückisches, noch nicht ausreichend erforschtes Virus und dessen Auswirkungen auf unser gesamtes Leben. Im Gegensatz zu unseren Großeltern haben wir jedoch eine größere Chance, uns davor zu schützen.

 

Man sagt, dass wir Deutsche mehr zum Grübeln neigen als andere Völker. Fehlt uns der Mut oder mangelt es an Optimismus? Wenn ich in die belebte Fußgängerzone unseres Städtchens schaue, sehe ich viele mutige Menschen. Als hätte jemand ein Gatter geöffnet, stehen die Leute dicht beieinander und warten plaudernd vor den Geschäften. Dabei waren sie doch nur ein paar Wochen geschlossen. Und plötzlich fühlt es sich noch besser an, zuhause zu bleiben.

 

Das Gelb des Löwenzahns leuchtet nicht mehr auf den Frühlingswiesen, Pusteblumen bestimmen jetzt ihr Bild. Bald lassen sie los und verschwinden für eine Weile - ein ganz natürlicher Vorgang. Öfter als uns lieb ist, müssen auch wir uns lösen, von Menschen, Orten, Gewohnheiten oder alten Zeiten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dieses Loslassen auch immer bedeutet, Neues erleben zu dürfen. Es gehört Mut zum Aufhören, Abbrechen, Aussteigen und auf Abstand zu gehen. Wir können unsere alten Verhaltensmuster über Bord werfen und eine angemessene Vorsicht als Selbstverständlichkeit betrachten. Anstelle von Neuigkeiten mit variablem Sensationscharakter brauchen wir verlässliche Informationen, die uns vereinen statt spalten. Erforderliche Maßnahmen umzusetzen, wird uns nicht immer leicht fallen, aber wir können es versuchen.

Ich finde, das sollten wir uns wert sein.

 

Claudia Biedenkapp

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Kommentare: 4
  • #1

    Rita H. Greve (Freitag, 01 Mai 2020 10:18)

    Ich meine, die Menschen die jetzt in Grüppchen plaudernd vor den Geschäften stehen, haben immer noch nichts begriffen. Sie sind m.E. nicht "mutig" ,sondern dumm.

  • #2

    Lucia Stelz (Freitag, 01 Mai 2020 11:02)

    Der Artikel von Claudia ist so wahr. Oft vergessen wir, was unsere Eltern, Großeltern mitgemacht haben. Wir haben es mit einem nicht sichtbaren Feind (Virus) zu tun.
    Wir können nur gemeinsam, mit Verstand und Disziplin dem Virus trotzen.
    Es geht immer weiter. Gemeinsam sind wir stark! In diesem Sinne, bleibt gesund!

  • #3

    Eva-Maria Indorf (Freitag, 01 Mai 2020 11:37)

    Ein gelungener Text, der den Zwiespalt der Autorin jedoch nicht verhehlen kann.
    Die Frage wird irgendwann gestellt werden: haben wir mit Kanonen auf Spatzen geschossen oder hat jeder kleine Beitrag die noch größere Katastrophe verhindert? Was war der Preis für diesen heimtückischen „Krieg“ mit unsichtbarem Gegner? Haben wir unsere Menschlichkeit, unseren Wirtschaftsmotor und unseren Mut geopfert? Und wenn ja, für was?
    Ich bin sehr gespannt auf die weiteren Beiträge des Autorenclubs!

  • #4

    Diana Ambrosius-Keck (Sonntag, 03 Mai 2020 17:12)

    Den Artikel von Claudia B. teile ich inhaltlich.
    Was all die Maßnahmen bringen sehen wir aber erst in der Zukunft. Es ist jetzt Geduld gefordert, ob sinnvoll ???