Antje Lilienthal: Markttag

Bild: Antje Lilienthal
Bild: Antje Lilienthal

Markttage gehören für mich zu den Höhepunkten in Corona-Zeiten. Raus aus dem Ehealltag und rein ins Getümmel – mit Abstand natürlich. Einigermaßen beschwingt radle ich ins Zentrum unseres Kurstädtchens. Ganz wunderbar ist das unter dem ausgebreiteten Kastaniendach in der Zanderstraße, vorbei an der plätschernden Usa.

 

Ist da eigentlich was am 30. April 2020?  Ich bin nicht krank, ich muss nicht mehr um meinen Job bangen. Sicher, meine Freunde fehlen mir. Und der Alltag ist ein anderer. Von Tag zu Tag sind mehr Menschen mit Mundschutzmasken unterwegs. Ende Februar hatte ich noch in banger Vorahnung eine Packung gekauft und verschämt damit begründet, dass ich eine längere Zugreise in den Süden plane. Als der Apotheker etwas irritiert guckte, fragte ich: „Kauft denn sonst niemand Masken“? „Nein“, antwortete er, „und 2,90 Euro bitte“. Dann mit der Ankündigung des Lockdown am 12. März gab es plötzlich keine Masken mehr, genauso wenig wie Klopapier. Es galt als unmoralisch, nach diesem Schutz zu fragen, weil er nur für Ärzte und Pflegepersonal vorgesehen war. Einige Zeit später warb die eine oder andere Apotheke wieder mit den medizinischen Masken – für 20 Euro, natürlich aus China!

 

Weil es immer noch nicht genug davon gibt, seit Montag das Tragen beim Einkaufen, auch auf Märkten, und in den Öffentlichen Verkehrsmitteln, aber Pflicht ist, laufen jetzt viele Leute mit selbst genähtem Mundschutz rum. Das sieht beinahe lustig aus. Man könnte glatt vergessen, dass Experten wie der Chef der Bundesärztekammer Ulrich Montgomery bezweifeln, dass dieser selbst gemachte Schutz was nützt. Egal, vielleicht nützt er ja. In Jena hat es ja anscheinend auch funktioniert. 

 

So wurschtelt man sich durch. An den Marktständen halten die meisten Menschen den angesagten Abstand und sind diszipliniert. Nur eine Kundin beim Fleischstand  vermisst lautstark die gegrillte Bratwurst. „Das dürfen mir net“ erklärt die Verkäuferin. Die Kundin motzt, „unten an der Trinkkuranlage krieg ich ja auch eine“. Dass der Fleischstand seine Marktkonzession verlieren könnte, interessiert sie offenbar nicht. Am Nachbarstand prescht kurze Zeit später ein Mann vor, um sich die Auslage genauer anzuschauen. „Halten Sie bitte Abstand“, fordert die Kundin vor ihm. Die Marktbetreiberin weiß es aber besser: „Den kenne ich. Da brauchen Sie keine Angst haben. Der ist nicht infiziert“.

 

Jetzt fühle ich mich auf dem Markt doch nicht mehr so wohl. Noch schnell zur Sprudel-Apotheke; fragen, ob das seit Tagen angekündigte Händedesinfektionsmittel eingetroffen ist. Fehlanzeige. Als ich die paar Stufen zur Hauptstraße runtergehe, stürmt eine Frau um die Ecke; frontal auf mich zu. Ich weiche zurück und knalle auf die Treppe. Es tut weh; ist aber nichts passiert. Zur Entspannung gönne ich mir noch eine kleine Runde durch unseren herrlichen Kurpark. Das Vogelzwitschern in den alten Baumkronen mit ihrem zarten Mai-Grün betört mich immer wieder. Ist da was? Ach ja, auf einer Parkbank sitzt ein Mann mittleren Alters mit fettigem Haar. Den habe ich hier schon öfter gesehen. Er niest kräftig in seine Hände und betrachtet seelenruhig das Ergebnis. Nichts wie weg aus der Stadt – nach Hause in den Ehealltag. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Katja Bohn-Schulz (Montag, 04 Mai 2020 17:50)

    Ja, so ist es!
    Genau so trägt es sich zu, dieser Tage!

    Als begeisterte Marktgängerin habe ich nun nicht mehr das Gefühl, mich in einem Paralleluniversum zu bewegen!
    Nein, meine Empfindungen werden geteilt!
    Einzig den Gang in die Apotheke habe ich bereits aufgegeben, stattdessen einen grossen Tulpenstrauss bei dem netten Herrn im unteren Teil des Marktes erstanden!

    Weil dessen Blumen die allerfrischesten sind, dieser Tage!

    Vielen Dank für das Beschreiben eines unbeschreiblichen Gefühls...