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Martin Heß: Herdenimmunität

Ich hatte die Kappe tief ins Gesicht gezogen gegen die gleißende Sonne und gegen den Sturm, der seit einigen Tagen schon ununterbrochen orangenen Saharasand um die Häuser blies, und hatte einen Schal noch über die Maske vor´s Gesicht gewickelt, indigo-blau, wie von den Tuareg und mein Hals war trocken und brannte, Kerle, wie der brannte!  Die FFP7 genoss mein Vertrauen, aber unter diesen Bedingungen verstopften die beiden Elektrofilter binnen Minuten. Ich quälte mich quer über die Friedrichstrasse. Kein Mensch zu sehen. Ein Rolladen wurde krachend herabgelassen. Man hörte gedämpfte Schreie aus dem Haus.  Das Deckblatt einer Tageszeitung hatte sich um einen Laternenpfahl gewickelt. „…rkel exekutiert!!“ schrien die Reste einer Überschrift mich an. Ich bog ab auf den Marktplatz.

 

Da standen sie. Pit, Jacko und der dicke Paul. Dieser trug einen Sack in seiner dreckigen Hand, am langen Arm, der schien nicht leicht zu sei und es zappelte darin. Pit stand an ein Ölfass  gelehnt, das war schwarz vom Ruß der Nächte und noch lauwarm von den Feuern der Heimatlosen, die sich manchmal abends ihre Hände wärmten, wenn es Holz gab, oder sonst etwas Brennbares, Knochen vielleicht, Abfälle.  Ein Helikopter näherte sich der Stadt von Süden. Das Flappen seiner Rotoren hörte man erst leise aus der Ferne doch dann schwoll es weiter und weiter und weiter an. Wie laut würde es denn noch werden ...? Aber wir sahen den Hubschrauber nicht. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln und verkohltem Plastik hing in der Luft. Über den Dächern lag Rauch wie ein Leichentuch, dachte ich.

 

Im Sommer waren wir noch zu siebt gewesen. Dann hatte das Biest zugeschlagen. Ich wusste nicht, auf welche Weise es jetzt gerade infizierte. Niemand wusste das. Als die dritte Welle kam, damals im Frühjahr `21, da hatten wir alle zu Beginn noch geglaubt, wir könnten es irgendwie kontrollieren, obwohl die zweite Welle schon so tödlich gewesen war, eine Mutation, die keiner erwartet hatte. Aber die dritte Welle, die kam dann wie ein Tsunami über uns, und riss alles fort, und tötete jeden fünften, und lähmte alles und zerlegte alles und alles brach zusammen. Es war das vollkommene Chaos. Volksaufstände, Militär im Innern, Zusammenbruch der Versorgung, von Staat und Recht und dann plötzlich war die Flut vorüber. So blitzartig, wie die dritte Welle gekommen war, so abrupt ging sie auch zu Ende. Plötzlich war die kritische Masse erreicht: Herdenimmunität. Wir tanzten auf den Gräbern, wir tanzten. 

 

Foto: Pixabay

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Rita H. Greve (Mittwoch, 29 April 2020 15:04)

    Was für ein Szenario ! Aber vielleicht sind wir von dieser Utopie gar nicht so weit entfernt. Ich mag nicht daran denken.

    Bleib gesund!
    Rita

  • #2

    Martin (Mittwoch, 29 April 2020 22:43)

    Danke liebe Rita für das Feedback! Ich glaube nicht, dass es so kommen wird, aber ganz unmöglich ist es nicht. Ich wollte einfach mal der Dystopie, die doch unvermeidlich bei jeder Pandemie mitschwingt, ein Bild geben, einfach so, aus Spaß am Ausdruck ... Lieben Gruß Martin